Westdeutscher Fussballverband e.V.
Fußball-Allgemein 10.07.2015

„Aschenkippe" gegen "Suppengrün"

Sportgeschichte: Fußball in NRW nach dem Zweiten Weltkrieg

Die Schalker benötigten einige Zeit, um das Areal der Glückauf-Kampfbahn wieder herzurichten (Foto: Archiv).

1945 lagen die großen Sportstätten an Rhein und Ruhr in Trümmern, doch der Fußball hatte sich vor 70 Jahren schnell wieder organisiert. Nur wenige Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stiegen die ersten Partien. Zunächst etwas illegal, dafür aber mit Pragmatismus.

Rund 70 Bomben waren während des Zweiten Weltkriegs auf dem Areal der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn eingeschlagen, zudem hatte die Zerstörung der benachbarten Kläranlage für eine Überschwemmung des Spielfelds gesorgt. Die Fußballer von Schalke 04 wollten sich im Sommer 1945 aber nicht durch Unebenheiten im Geläuf stoppen lassen. "Der Rasen war so verfilzt und versauert, dem sind wir mit Sensen und anderem Gerät nicht beigekommen. Am Ende haben wir ihn mit Taschenmessern geschnitten", zitiert die Vereinschronik "100 Schalker Jahre" Clublegende Fritz Szepan.

Auch wenn in der Erinnerung manche Anekdoten überspitzt werden: Fest steht, dass die Fußballer an Rhein und Ruhr mit viel Improvisation recht schnell nach Kriegsende den Spielbetrieb wieder eröffneten. Bereits am 22. Juli 1945 und somit keine elf Wochen nach der Kapitulation am 8. Mai, bestritt Schalke 04 sein erstes Nachkriegsspiel. 7:1 stand es am Ende gegen eine Stadtauswahl aus Wanne-Eickel.

Neben den Legenden Fritz Szepan und Ernst Kuzorra, die Schalke vor und während des Kriegs zu mehreren deutschen Meisterschaften geführt hatten, war auch Bernhard Klodt, einer der späteren Weltmeister von 1954, am Ball. Am 19. August bestritt Reviernachbar Rot-Weiß Oberhausen sein erstes Nachkriegsspiel gegen eine Auswahl Duisburger Vereine (4:2). In Duisburg setzte sich eine Woche zuvor der Meidericher SV mit 4:1 gegen Meiderich 06 durch.

Auf Aufbau beteiligt: Schalkes Clublegende Fritz Szepan (Foto: Archiv).

Weil die britische Militärregierung in ihrer Besatzungszone im Zuge der geplanten Entnazifizierung zunächst jegliche Vereins- und Spieltätigkeiten verboten hatte, wurden die ersten Partien gewissermaßen illegal ausgetragen. Statt des Vereinsnamens wurden Pseudonyme eingesetzt. So traten die Schalker bisweilen als Team "Aschenkippe" auch gegen die Mannschaft "Suppengrün" der Sportfreunde Katernberg an. Erst am 15. September 1945 erlaubten die Briten wieder die Gründung und Wiederbelebung von Sportvereinen. Zugleich wurde die Austragung von Stadt- und Kreismeisterschaften gestattet.

Offizieller Spielbetrieb ruhte rund ein Jahr

Damit hatte der offizielle Spielbetrieb am Ende des Zweiten Weltkriegs rund ein Jahr geruht. Die Saison 1944/45 wurde in Nordrhein-Westfalen noch offiziell begonnen, der Spielbetrieb musste allerdings abgebrochen werden. In der "Bereichsklasse Niederrhein" sind im September 1944 wenige Punktspiele vermerkt. Beispielsweise in Essen rollte der Ball letztmals vor Kriegsende bei der Partie TuS Helene gegen SF Katernberg (1:0). Laut Archiv des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes (WFLV) musste die Begegnung vor rund 5000 Zuschauern wegen Fliegeralarms mehrfach unterbrochen werden.

Die ersten Jahre nach Kriegsende

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam mit den von den Briten gebilligten Stadt- und Kreismeisterschaften der Ligabetrieb wieder in Gang. 1946 wurde sogar eine inoffizielle Rheinlandmeisterschaft ausgespielt. Im live im Radio übertragenen Finale setzte sich dabei RW Oberhausen gegen Düren 99 durch. Bis 1947 organisierte sich der Fußball auch wieder in den Bezirken und Regionen.

Am 23. Februar 1947 wurde der "Fußballverband Nordrhein-Westfalen" als Vorgänger des heutigen Regionalverbandes WFLV gegründet (Der offizielle Vorgänger 1898 gegründete WSV wurde unter den Nationalsozialisten 1934 aufgelöst). Kurz darauf nahm zur Saison 1947/48 die Oberliga West als höchste Spielklasse in NRW den Spielbetrieb auf.

1945 lagen nicht nur die großen Sportstadien an Rhein und Ruhr in Trümmern, viele Vereinsmitglieder waren im Krieg gefallen oder noch in Gefangenschaft. Fußball gespielt wurde dennoch - und dafür vor allem improvisiert: In den Textilhochburgen Krefeld und Wuppertal tauschten die Clubs aus dem Revier die für den Wiederaufbau begehrte Kohle bisweilen gegen Trikots und Schuhe.

Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die "Kalorienspiele", bei denen die namhafteren Großstadt-Vereine auf dem platten Land antraten. Bezahlt wurden die Kicker dann in Naturalien. "Wir haben zwischen 1945 und 1947 dreimal pro Woche gespielt, sind immer bis an die holländische Grenze in die Dörfer gefahren. Als Gage gab es Möbel, Zigarren, halbe Schweine und warmes Essen. "Wir haben uns so die Wampe vollgeschlagen, dass wir oft verloren haben", erzählt Matthes Mauritz, 90 Jahre alte Legende von Fortuna Düsseldorf.

Mit vollen Mägen und Taschen ging es nach den "Kalorienspielen" per Bus zurück nach Düsseldorf. "Innen versteckten wir die Rübenkrautgläser aus dem niederrheinischen Glehn. Vorne lotste uns Paul Janes durch die Kontrollen der Alliierten an der Pontonbrücke über den Rhein: Gestatten, Janes, Paul, Rekordnationalspieler, wir sind Fortuna Düsseldorf und haben nichts Verbotenes dabei", erinnert sich Mauritz.

Spielberechtigungen Regionalliga West