Westdeutscher Fussballverband e.V.
Fußball-Allgemein 04.01.2013

"Bist du denn verrückt?"

50 Jahre Bundesliga: NRW-Ikone Bernard Dietz im Interview

Einsatz pur: Bernard Dietz als stürmender Verteidiger. (Foto: MSV Duisburg)

Bernard Dietz galt als Prototyp des Fußballkämpfers. Vor allem mit dem MSV Duisburg und später für Schalke 04 hat er in 16 Bundesliga-Spielzeiten und 495 Spielen zwar keinen Titel gewinnen können, dafür führte er die Nationalmannschaft 1980 als Kapitän zum EM-Triumph. Einen Berater hat der Linksverteidiger nie gebraucht - und auch keinen Psychologen, obwohl Dietz die meisten Niederlagen aller Bundesliga-Fußballer kassierte. Zum Bundesliga-Jubiläum (die höchste  deutsche Spielklasse befindet sich gerade in ihrer 50. Saison) sprach WFLV-Redakteur Roland Leroi mit NRW-Ikone „Ennatz“ Dietz.

221 Pleiten in 495 Bundesliga-Einsätzen, Ihr Rekord von 1986 hat immer noch Bestand. Wie konnte es dem Kapitän der Europameister-Elf von 1980 passieren, als Spieler mit den meisten Niederlagen in die Bundesliga-Geschichte einzugehen?

Bernard Dietz: „Das ist wirklich sensationell, nicht wahr. Von dem Rekord habe ich jahrelang nichts gewusst, bis mich mal ein Amateurspieler darauf angesprochen hat. Aber die Rechnung ist ja ganz einfach. Ich habe 12 Jahre für den MSV Duisburg gespielt und anschließend einige Jahre für Schalke. Fast jede Saison ging es gegen den Abstieg, folglich wurden mehr Spiele verloren als gewonnen. Da ich meistens 33 Saisoneinsätze hatte, summiert sich das eben. Mir hat das aber nichts ausgemacht, zum Sport gehören Niederlagen dazu.“

Heutzutage arbeitet nahezu jeder Profiverein mit Psychologen, die die Fußballer auf die Spiele vorbereiten. Konnten Sie nach einer ihrer 221 Niederlagen auch schon einen Mentaltrainer um Rat fragen?

 

Prototyp des Fußball-Kämpfers: Bernard Dietz (Foto: MSV Duisburg)

Dietz: „Der Fußball hat sich extrem gewandelt, auch in Sachen Trainingslehre und bezüglich der medizinischen Seite. Das liegen Welten zwischen. Mentaltrainer wurden in der 80er-Jahren nicht als notwendig empfunden. In die Saison 1981/82 sind wir beim MSV allerdings tatsächlich mit einem Psychologen gestartet. Wir hatten damals einige Abgänge zu verkraften und mussten auf Jugendspieler setzten. Der Psychologe hat uns dann erzählt, wie gut wir sind und dass Duisburg deutscher Meister werden kann, wenn wir wollen. Am Ende ist der MSV erstmals in seiner Vereinsgeschichte aus der Bundesliga abgestiegen. Schon Weihnachten wurde der Mann entlassen.“

1982 gingen Sie zu Schalke 04. Es war Ihr einziger Vereinswechsel in 16 Bundesliga-Jahren.

Dietz: „Das war prägnant für die damalige Zeit, auch in den 80ern wurden die Vereine nicht so oft gewechselt wie heute. Damals war Europa noch nicht so offen. Es gab Grenzen, durch sich Transfers erschwert wurden. Die Vereine mussten und konnten auf einheimische Spieler setzen. Das war auch wichtig für die Zusammengehörigkeit. Statt teurer Transfers wurde auf Nachwuchsspieler gesetzt, das war gut für den Teamgeist. Diese Entwicklung endete erst zum Abschluss der 80er und erst recht durch das Bosman-Urteil in den 90ern. Danach kamen auch die Spielerberater verstärkt auf. Früher haben wir unsere Verträge selbst ausgehandelt und sind als Team aufgetreten. Heute gibt es viele Einzelkämpfer.“

Alleine die 80er waren durch sechs deutsche Meisterschaften auch ein Jahrzehnt des FC Bayern. Wie haben sie die Dominanz der Münchner erlebt.

Dietz: „Der FC Bayern war immer ein gut organisierter Verein, der sich in den Jahren zurecht immer mehr Respekt erarbeitet hat. Mir haben die Bayern allerdings zumeist gelegen, in Duisburg haben wir die Spiele gegen München nämlich oft gewonnen. Hätte der MSV in der Saison 34 Mal daheim gegen die Bayern gespielt, wären wir Meister geworden. Das Rezept war ganz einfach: Wir hatten nichts zu verlieren. Wenn du gegen die Bayern gespielt hast, verzeihen dir die Zuschauer sogar einen falschen Einwurf und feuern dich trotzdem an. Auch wenn die Bayern am Ende oft ganz oben standen, waren sie nicht unschlagbar. Mit Kampf konnte man eine Menge erreichen, die Bundesliga war halt immer sehr ausgeglichen.“

1980 durften Sie als Kapitän der Nationalmannschaft den EM-Pokal in die Höhe recken. Welches Bundesligaspiel bleibt am meisten in Erinnerung?

Dietz: „Keine Frage, das 6:3 mit dem MSV gegen den FC Bayern München. Wir lagen 1:3 hinten, aber in dem Spiel sind mir vier Tore gelungen. Dabei war ich als linker Verteidiger für die Bewachung von Bayern-Stürmer Karl-Heinz Rummenigge zuständig. Ich wollte aber nach vorne marschieren und somit hatte der kleine Arbeiter aus dem Ruhrgebiet plötzlich die großen Bayern abgeschossen. Nach dem dritten Tor zum 3:3, sagte mir unser Libero Kees Bregman an der Mittellinie, dass ein Remis gegen die Bayern toll sei. Ich antwortete, dass ich noch mal nach vorne wollte und Kees fragte: Bist du denn verrückt? Mit dem nächsten Angriff gelang mir aber die 4:3-Führung, die wir nicht mehr aus der Hand gegeben haben. Als Abwehrspieler habe ich durch die Vorstöße wohl schon ein Stück den modernen Fußball prägen können. Jedenfalls habe ich nicht nur die meisten Spiele verloren, sondern war in der Bundesliga auch der erste Verteidiger, dem vier Tore in einem Match gelungen sind.“

Zum Abschluss Ihrer Zeit steigen langsam die Gehälter an. Konnte Sie eigentlich noch reich werden?

Dietz: „Zunächst konnte man bei den Clubs besser verdienen, die schon einige größere Werbepartner hatten. Das war aber auch nicht die Welt. Den großen Sprung gab es erst durch das Privatfernsehen, das ich zu meiner aktiven Zeit nicht mehr erlebt habe, Fußball gab es zum Beispiel 1985 nur ganz selten im Fernsehen, heute kommt der Sport täglich über mehrere Stunden auf vielen Sendern. 1980 habe ich im Jahr des EM-Titels vielleicht 250 000 Mark verdient. Das bekommen manche Spieler heute pro Woche. Viel wichtiger als das Geld sind aber doch ohnehin die Erlebnisse, die mir keiner mehr nehmen kann. Ich hatte meine Zeit, in der ich spielen durfte. Und damit bin ich einfach zufrieden.“

 

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