Westdeutscher Fussballverband e.V.
Fußball-Allgemein 02.04.2014

Der Weg zum Verbandssportlehrer

Nachwuchsarbeit - oft der Start für Trainer

Wer das Ziel hat, Verbandssportlehrer zu werden, sollte ein abgeschlossenes Studium haben, bevorzugt im Fach Sportwissenschaften. Auch pädagogisches Vorwissen ist von Vorteil.

Gewünscht für Verbandssportlehrer ist die Lizenz als Fußball-Lehrer. Der Weg dorthin führt über alle Trainer-Lizenzstufen im Leistungsbereich, angefangen von der C-Lizenz über die B- bis zur A-Lizenz, ehe sich der zehnmonatige Lehrgang zum Fußball-Lehrer anschließt - Zulassung vorausgesetzt.

Ein Schwerpunkt für Verbandssportlehrer liegt neben der Trainerausbildung in der Talentförderung und -sichtung. Daher verfügen viele Verbandssportlehrer über praktische Erfahrungen im Nachwuchsbereich, beispielsweise als Vereinstrainer oder DFB-Stützpunktkoordinatoren.

 

Verbandssportlehrer Reimöller sucht den nächsten Draxler

Dirk Reimöller ist Sprecher aller Verbandssportlehrer im deutschen Fußball. Der 47-Jährige war dreieinhalb Jahre Verbandssportlehrer in Westfalen, seit August 2010 ist er in gleicher Funktion für den Hessischen Fußball-Verband tätig. Doch was macht ein Verbandssportlehrer eigentlich? Was sind seine Aufgaben? Redakteur Jochen Breideband hat für DFB.de Dirk Reimöller einen Tag lang begleitet.

Von der Wand lacht Julian Draxler. Daneben ein signiertes, königsblaues Trikot des Nationalspielers mit der Widmung: "Danke für die gemeinsame Zeit." Erinnerungen an die Zusammenarbeit in der U 17 des FC Schalke 04. Schöne Erinnerungen. Noch lieber allerdings schaut Dirk Reimöller auf eine andere Wand seines Büros, die mit den drei lachenden Mädels. Ehefrau und beide Töchter, acht und zwölf Jahre alt. "Wenn ich dieses Foto sehe", sagt der Verbandssportlehrer des Hessischen Fußball-Verbandes, "bekomme ich immer gute Laune."

Kurz vor acht Uhr morgens in der Sportschule Grünberg. Die Außentemperatur müht sich langsam über den Gefrierpunkt, Tau liegt auf den Rasenflächen und dem Kunstrasenplatz. Der Arbeitstag von Dirk Reimöller beginnt wie der Millionen anderer Deutscher: mit einer Tasse Kaffee. Während die ersten Teilnehmer des aktuellen Trainerlehrgangs mit müden Augen zum Frühstück schlurfen, steckt Reimöller längst in den Vorbereitungen auf den Tag. E-Mails checken, Unterlagen ordnen, Organisatorisches regeln, einen tiefen Schluck Kaffee nehmen. An seinen Geschäftsführer schickt Reimöller die Nachricht, dass noch das Honorar einer B-Lizenz-Prüfung abgerechnet werden muss.

DFB-Stützpunktkoordinator, Verbandssportlehrer, dann B-Junioren-Bundesliga

Mehr als dreieinhalb Jahre ist es her, seit es den Fußball-Lehrer aus Westfalen nach Hessen verschlagen hat. Nirgendwo hat Reimöller bisher länger als Trainer gearbeitet. Ein klares Indiz, wie wohl er sich fühlt. Die Geschichte des Fußballers Reimöller begann beim VfL Bochum. Bis zur A-Jugend spielte er für den damaligen Bundesligisten, früh aber zeichnete sich ab, dass es mit der Profikarriere nichts wird. Die Gelenke in Knie und Knöchel machten ständig Probleme, und ein Ausnahmetalent war Reimöller auch nicht. Nach der Jugend kickte er noch zwei Jahre in der fünften Liga, dann war Schluss.

Zu dieser Zeit versuchte er sich längst als Trainer. Mit 17 war Reimöller bei der E-Jugend des VfL Bochum eingestiegen. Über den Nachwuchs- und Amateurbereich arbeitete er sich allmählich nach oben. 1998, Reimöller hatte sein Lehramtsstudium in Englisch und Sport abgeschlossen und gerade den Oberligisten DJK TuS Hordel übernommen, entschied er sich, die hauptamtliche Trainerlaufbahn einzuschlagen. Engagements in der Jugend der SG Wattenscheid 09 und des MSV Duisburg folgten.

Die prominentesten Schützlinge: Draxler und Götze

Drei Jahre arbeitete er als DFB-Stützpunktkoordinator, ehe er Verbandssportlehrer in Westfalen wurde. Danach ging er zum zweiten Mal zum FC Schalke 04, betreute die U 17 in der B-Junioren-Bundesliga und koordinierte ein Schulprojekt mit der U 14 und U 15. Julian Draxler war sein prominentester Schützling im Klub. Darum das signierte Trikot im Büro.

In der Westfalenauswahl hatte Dirk Reimöller unter anderem Mario Götze unter seinen Fittichen. Für den Fußball-Lehrer das größte Talent seines Berufslebens: "Mario hatte schon immer eine extreme Spielintelligenz und Leichtigkeit. Wenn man ihn in einer Situation coachen wollte, hatte er schon eine andere Lösung gefunden und ausgeführt, die noch besser war."

Ihn als maßgeblichen Förderer solcher Ausnahmeerscheinungen zu bezeichnen, damit kann Reimöller nichts anfangen. In einem Gespräch mit dem Magazin 11 Freunde hat er mal gesagt, dass Spieler wie Mario Götze "nicht von einem Trainer entdeckt werden, sie entdecken sich selbst". Aber natürlich macht es ihn stolz, wenn spätere Nationalspieler und Bundesligaprofis dankbar auf die Zusammenarbeit zurückblicken und bis heute Kontakt zu ihm halten.

"Trainer entschuldigen sich nicht, Trainer bitten um Verständnis"

Neun Uhr: Reimöller steht dort, wo ein Trainer am liebsten steht: auf dem Fußballplatz. Ein neuer Götze oder Draxler ist nicht in Sicht, dafür eine Gruppe von Trainerlizenz-Anwärtern. Es ist der dritte Tag der Profilwoche C-Lizenz Leistungsfußball in Grünberg. Thema der Praxiseinheit: Eins gegen Eins im kurzen Abstand auf dem Flügel. Eine Kleingruppe aus dem Teilnehmerkreis hat das Programm vorbereitet, es besteht aus einer hinführenden Übungsform und einer Spielform - so wie in zwei Wochen bei der offiziellen Lehrprobe. Heute wird also der Ernstfall getestet. 20 Minuten stehen zur Verfügung. "Im Gegensatz zu meiner sonstigen Gewohnheit werde ich meinen Mund halten, damit ihr ein Gefühl für die Zeit bekommt", sagt Reimöller.

Nach zehn Minuten die erste Unterbrechung. Die Übungsform ist vorbei. Das erste Feedback kommt aus der Gruppe, ein paar negative Aspekte werden aufgezählt. Der Verbandssportlehrer greift schnell ein: "Bei Kritik startet man besser mit den Dingen, die gut waren. Damit öffnet man Herzen und Ohren." Ein Satz wie eine Schlagzeile, ein Satz, der sofort hängen bleibt.

Eine Spezialität von Dirk Reimöller. Lizenzanwärtern, die zu spät kommen und verlegen eine Entschuldigung murmeln, entgegnet er: "Trainer entschuldigen sich nicht, sie bitten um Verständnis." Wer gedankenlos mit Leibchen in einer Einheit hantiert, weiß anschließend: "Leibchen haben Farben, Farben haben Bedeutungen." Botschaften fürs Trainerleben, die am Ende ein stimmiges Bild ergeben, weit mehr als nur Platitüden.

"Wir geben uns leider in vielen Bereichen mit Oberflächlichkeiten zufrieden"

Elf Uhr, der Theorieteil zum Thema: Das Spielfeld ist nun der Hörsaal. Reimöller hört konzentriert zu, fragt nach, bohrt nach, nervt auch mal. "Wir geben uns leider in vielen Bereichen mit Oberflächlichkeiten zufrieden", sagt er später im Gespräch mit DFB.de. "Aber der Fußball ist bei all seiner Einfachheit sehr facettenreich und wird durch Details entschieden."

Die Präsentation im Tagungsraum ist gut. Der Vortragende lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und reagiert souverän. Dafür gibt es Applaus vom Verbandssportlehrer. Als es um das Thema Mannschaftsführung geht, erzählt Reimöller, wie er einmal vollkommen die Beherrschung verlor. Schalkes Nachwuchs war in der Bundesliga Tabellenletzter, er trat während eines Spiels wütend gegen eine Bande, auf der seine siebenjährige Tochter saß. "Dieses Bild verfolgt mich bis heute, und auch sie kann sich fünfeinhalb Jahre später noch erinnern, wie ihr Vater ausgetickt ist", so Reimöller.

Alle anderen Ausbrüche? Wohl kalkuliert. Vom Brüllen bis zum Knallen der Kabinentür und dem Malträtieren der Massagebank - vorher absprachegemäß vom Betreuer leer geräumt. "In dem Augenblick, in dem ich als Coach wirklich die Kontrolle verliere, kann ich meinen Spielern nicht mehr helfen", sagt Reimöller. Noch so ein Mantra für Trainer.

Verantwortlich für sieben Auswahlmannschaften

Zurück im Büro. Das Mittagessen ist vorbei. Nudeln mit Gulasch, ein kleiner Salat. Schokopudding mit Erdbeeren und Bananenstückchen als Nachtisch. Reimöller studiert den Jahresplan neben dem Rechner. Dort ist genau aufgeführt, was wo und wann welcher der drei hessischen Verbandssportlehrer bis Dezember macht. Für Außenstehende ist das Gewirr aus Balken und Farben schwer zu durchblicken, für die Mitarbeiter ist es wichtig, um die Übersicht zu behalten. Dass alle drei hessischen Verbandssportlehrer zeitgleich in der Sportschule Grünberg sind, ist eher selten. Auch jetzt weilt ein Kollege von Reimöller bei einem Termin in Kopenhagen, die UEFA Study Group tagt.

Die angehenden C-Lizenz-Trainer sind beschäftigt. Sie bearbeiten mit einem Gastreferenten das Thema Konfliktmanagement und -vermeidung. Zeit für Reimöller, sich um andere Dinge zu kümmern. Die Trainerausbildung ist nur einer von drei großen Bausteinen in seinem Alltag als Verbandssportlehrer. Der 47-Jährige ist als Sportlicher Leiter verantwortlich für alle sieben männlichen Hessenauswahlmannschaften von der U 13 bis zur U 19. Die U 18 und U 16 trainiert er selbst. Darüber hinaus ist regelmäßiges konzeptionelles Denken gefragt, ob in der Talentsichtung, der Talentförderung oder der Qualifikation im Trainerwesen. Passend dazu wirkt Reimöller noch in der AG Ausbilder des DFB mit.

Seit Januar bundesweiter Sprecher der Verbandssportlehrer

Als wäre das alles nicht genug, wurde er im Januar als Nachfolger von Helmut Horsch zum bundesweiten Sprecher der Verbandssportlehrer gewählt. Damit einher ging eine Strukturreform, in deren Rahmen ein Gremium aus fünf Stellvertretern mit festen Spezialgebieten gebildet wurde. Ziel ist es, den Einfluss der Verbandssportlehrer zu stärken und die Förderinstanzen aus Verbänden und Vereinen besser zu verzahnen. "Wir möchten unsere Kompetenzen einbringen", sagt Reimöller. Sein Eindruck nach den ersten Wochen ist rundum positiv: "Es macht Spaß, wenn man Dinge anschieben und beeinflussen kann."

Die Uhr zeigt kurz vor fünf: Der Lehrgang trifft sich zur Mannschaftssitzung. Heute Abend steht ein Spiel gegen einen Gießener A-Ligisten an. Eine Kleingruppe wird die Partie beobachten und analysieren, zwei Teilnehmer übernehmen Spielvorbereitung und Coaching, der Rest schnürt die Fußballstiefel. Die Trainer geben ein 4-2-3-1-System vor, die Grundausrichtung ist defensiv, weil der Gegner eine junge, schnelle Mannschaft hat, die in der Liga drei Spiele in Folge gewonnen hat.

Während der Besprechung klingelt Reimöllers Handy, kurz darauf kommt seine Frau in den Raum, um einen Schlüssel abzuholen. Scheinbar zufällige Ereignisse, in Wahrheit gezielt inszenierte Störfaktoren, um das Trainerduo zu konfrontieren und zu fordern.

Der Trick mit der rosa Unterhose

Dass einer der Spieler ungestraft zu spät kommt, ist dem Lehrgangsleiter ein Dorn im Auge. "Wer eine Stunde später kommt, bei dem ist vielleicht etwas Schlimmes passiert - wer eine Minute später kommt, ist schlecht vorbereitet", meint er und lässt wissen: "Bei mir wäre er aus der Startaufstellung geflogen." Ein letzter Tipp an die Coaches: "Sagt immer, was ihr wollt, sagt nie, was ihr nicht wollt.

Dann: "Denkt nie und auf keinen Fall an Francesco in rosa Unterhose." Kurze Stille, dann riesiges Gelächter. Die Botschaft ist angekommen. Francesco, der am Tischende sitzt, stellt kopfschüttelnd fest: "Jetzt denkt jeder daran, wie ich in rosa Unterhose aussehe."

19.40 Uhr: Der Anpfiff erfolgt pünktlich. Nach einer flotten ersten Halbzeit steht es 3:3. Die gewünschte Kompaktheit in der Defensive ist nicht festzustellen, dafür klappt das Umschaltspiel nach Balleroberung überraschend gut. Am Ende verliert das Trainerteam 3:4. Dirk Reimöller geht noch einmal ins Büro, lässt den Computer herunterfahren und knipst das Licht aus. Um 21.45 Uhr sitzt er im Auto nach Hause. Analysiert wird morgen.

 

Quelle: DFB

Spielberechtigungen Regionalliga West