Westdeutscher Fussballverband e.V.
Verbandsnews 09.01.2017

Dr. Eva Selic und Marianne Finke-Holtz: Wir geben Frauen im Sport eine Stimme

Gespräch über Chancengleichheit und Gender Mainstreaming in NRW

Gender Mainstreaming bedeutet: die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern zu berücksichtigen. Der Landessportbund NRW (LSB NRW) und der Westdeutsche Fußballverband (WDFV) setzen sich dafür ein, dass auch im Sport Chancengleichheit hergestellt wird. Dr. Eva Selic, Sprecherin der Frauen im LSB NRW, und Marianne Finke-Holtz, Mitglied im WDFV-Präsidium, erklären im exklusiven WDFV-Gespräch, warum es wichtig ist, Frauen im Sport eine Stimme zu geben.

Dr. Eva Selic (links), Sprecherin der Frauen im LSB NRW, und Marianne Finke-Holtz (rechts), Mitglied im WDFV-Präsidium, geben Frauen im Sport eine Stimme.
Dr. Eva Selic (links), Sprecherin der Frauen im LSB NRW, und Marianne Finke-Holtz (rechts), Mitglied im WDFV-Präsidium, geben Frauen im Sport eine Stimme.

Frau Dr. Selic, Frau Finke-Holtz, Sport wird von Frauen ebenso engagiert wie von Männern betrieben. Mal ganz banal gefragt: Wie wichtig ist es Ihnen, Frauen im Sport eine Stimme zu geben?

Dr. Eva Selic: Sehr wichtig. Im LSB NRW liegt der Gesamtanteil an Frauen bei knapp 39 Prozent. Das ist sportartspezifisch sehr unterschiedlich, doch im Durchschnitt sind wir noch einiges von einem gleichen Anteil an Frauen und Männern entfernt. Trotz des immensen ehrenamtlichen Einsatzes von Mädchen und Frauen im Sport, ist deren Anteil in Führungspositionen gerade einmal bei 9,3 Prozent. Deshalb brauchen wir im Sport kraftvolle Stimmen, die Strukturen so gestalten, dass es für Frauen und Männer gleichermaßen selbstverständlich ist, sich in Positionen bis hin zu den höchsten Funktionärsebenen zu engagieren und die jegliche Form von Diskriminierung und Gewalt offen ansprechen und ihr entgegentreten.

Marianne Finke-Holtz: Ich sehe es ähnlich: Warum sollen Frauen keine Stimme haben? Sport an sich ist schließlich nicht geschlechtsspezifisch. Wichtig ist, dass wir gemeinsam für eine Sache kämpfen. Natürlich ist bisweilen ein Zetern zu hören, dass in manchen Sportarten viel mehr Männer als Frauen das Sagen haben. Das ist aber meines Erachtens auch in der Geschichte vieler Sportarten begründet. Der Frauenfußball z.B. wurde erst Anfang der 1970er-Jahre vom DFB zugelassen und anerkannt; der Herrenfußball blickt schon auf eine über 100jährige Tradition zurück. Das ist ein Entwicklungsvorsprung, den es aufzuholen gilt. Männer haben den Frauen voraus, dass sie schon gut vernetzt sind. Eine gute Vernetzung hat viele Vorteile, man bleibt miteinander im Gespräch und hat somit oft einen Wissensvorsprung. Frauen sind jetzt dabei, dieses Netzwerken aufzuholen und so auch Nachwuchs für Führungspositionen zu generieren.

Dr. Eva Selic.

Zur Person: Dr. Eva Selic

Die Duisburgerin Dr. Eva Selic ist im vierten Jahr Vizepräsidentin des Tauchsportverbandes Nordrhein-Westfalen und wurde am 18. April 2016 einstimmig zur Sprecherin der Frauen der Mitgliedsorganisationen des LSB NRW gewählt. Die 47 jährige promovierte Diplomchemikerin ist verheiratet und Mutter von zwei Söhnen. Sie ist neben ihrem Beruf Vorsitzende des Tauch-Sport-Clubs-Mülheim/Ruhr e.V., Trainerin und Ausbilderin von Tauchlehrer/innen.

Der Fußball in Nordrhein-Westfalen hat sich nun unter dem Dach des WDFV neu aufgestellt. Frau Dr. Selic, welche Erwartungen hat der Landessportbund NRW in Sachen Chancengleichheit und Gender Mainstreaming an den WDFV?

Dr. Eva Selic: Der WDFV hat als mitgliedsstärkste Organisation des LSB NRW eine Vorreiterrolle. Der LSB hat auf seiner Jahreshauptversammlung in diesem Jahr mit den Wahlen zum Präsidium gezeigt, wie die Einführung einer Quotenregelung erfolgreich umgesetzt werden kann, für die sich auch der Fußball stark gemacht hat. Eine Umsetzung in den Reihen des WDFV hätte Signalwirkung für den organisierten Sport und würde weiteren Maßnahmen wie der Einführung einer Gleichstellungsordnung den Weg ebnen.

Als Frau im WDFV-Präsidium haben Sie, Frau Finke-Holtz, Einblicke in den NRW-Fußball. Ist es ein Klischee, wenn heute noch von der „Männerdomäne Fußball“ gesprochen wird?

Marianne Finke-Holtz: Die Männerdominanz im Fußball können wir nicht einfach wegdiskutieren. Auf vielleicht sechs Millionen Männer im deutschen Fußball kommen eine Million Frauen. Aus der Geschichte heraus ist auch in NRW der Fußball noch stark von Männern geprägt. Aber die Veränderungen machen sich schon bemerkbar. Frauen übernehmen im Verein Ämter wie das der Kassiererin oder der Geschäftsführerin. Es gibt immer mehr Frauen, die sich auch in Vereinen, Kreisen und Verbänden in die höheren Etagen trauen. So hat es mich richtig gefreut, dass bei der Tagung der Koordinatoren für den Frauen- und Mädchenfußball der Kreise im FLVW Anfang November, erstmals mehr Frauen als Männer im fünfzigköpfigen Plenum saßen. Auch glaube ich, dass die jüngere Generation die Eignung für die Übernahme von verantwortungsvollen Aufgaben nicht mehr geschlechtsspezifisch beantwortet, sondern von der Kompetenz des Einzelnen abhängig macht. Wenn wir den Generationswechsel hinbekommen, wird das Geschlecht bei der Besetzung von wichtigen Ämtern eine geringere Rolle spielen.

Marianne Finke-Holtz.

Zur Person: Marianne Finke-Holtz

Marianne Finke-Holtz ist seit 2013 im Präsidium des Westdeutschen Fußballverbandes (WDFV) und im Deutschen Fußball-Bund für den Bereich Mädchen- und Frauenfußball tätig. Die 51-Jährige aus Steinfurt ist verheiratet, Mutter eines Sohnes und hat als Fußballerin und im geschäftsführenden Vorstand die Entwicklung der Frauen- und Mädchenabteilung des SC Preußen Borghorst in Westfalen maßgeblich geprägt. Neben ihrer Arbeit als Bankkauffrau schloss sie 1995 in Münster das Studium der Psychologie ab. Es folgten Weiterbildungen mit den Schwerpunkten Sport und Gesundheit. Heute arbeitet sie im strategischen Vertriebsmanagement eines Kreditinstitutes und freiberuflich als Psychologin in der Betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention sowie in der sportpsychologischen Betreuung von Sportlerinnen und Sportlern.

„Gender Mainstreaming im organisierten Sport hat einen hohen Stellenwert und zugleich großes Potenzial“, heißt es von Seiten des LSB. Wie weit ist der Fußball in NRW bei dem Bemühen, dieses Potenzial zu nutzen und die ehemals strikten Rollenbilder aufzulösen?

Dr. Eva Selic: Aktuell gibt es im WDFV rund 19 Prozent Fußballerinnen, Tendenz steigend. Dass der Fußball in NRW bereits erfolgreiche Maßnahmen betreibt, zeigt sich in der Altersklasse bis acht Jahren, hier beträgt der Anteil an Spielerinnen bereits 30 Prozent. Dieses Potential gilt es zu fördern, dabei ist der Einsatz des WDFV gegen sexualisierte Gewalt im Sport enorm wichtig. Luft nach oben gibt es noch bei der Zusammensetzung des Präsidiums des WDFV.

Marianne Finke-Holtz: Dass der Fußball in NRW bestrebt ist, dieses Potenzial zu nutzen, verdeutlicht unter anderem die Beteiligung am Leadership-Programm für Frauen im Fußball, das nunmehr vom DFB in Zusammenarbeit mit der Führungs-Akademie des Deutschen Olympischen Sportbundes gestartet ist. Für dieses Qualifizierungs-Angebot haben sich direkt 39 Frauen aus NRW beworben. In den Seminaren werden verschiedene Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung zu Themen wie Führung oder Selbstmanagement thematisiert. Alle drei Landesverbände im WDFV werden in 2017 auch ein eigenes Leadership-Programm für Frauen konzipieren und somit die engagierten Frauen in NRW unterstützen.

Interview und Fotos: WDFV

WDFV Schau 08

Hinweis: Das vollständige Gespräch mit Dr. Eva Selic und Marianne Finke-Holtz wurde in der Ausgabe 08 unseres Verbandsjournals WDFV | Schau veröffentlicht. Eine Printausgabe der WDFV | Schau können Sie beim WDFV per Mail an bestellen.

Mehr zum Thema: Für die Gleichstellung der Geschlechter im Sport: Weitere Informationen auch zum Download finden Sie hier direkt auf der Homepage des Landessportbundes NRW.

 

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