Westdeutscher Fussballverband e.V.
Allgemein 05.04.2013

Fußball-Lehrer Winkler: Von der Säbener zur Hafenstraße

Seit 2003 bei RWE: Andreas Winkler

Als Spieler weit herumgekommen, nun sesshaft geworden: Ex-Profi Andreas Winkler, der bereits seit 2003 als Nachwuchskoordinator bei Rot-Weiss Essen arbeitet, ist einer der dienstältesten Verantwortlichen des West-Regionalligisten aus dem Ruhrgebiet. Er ging mit dem Klub von der Hafenstraße durch zahlreiche Höhen und Tiefen und hat sich bereits vor einigen Jahren ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: RWE soll möglichst bald ein zertifiziertes Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) bekommen.

"Nicht nur symbolisch wäre die Anerkennung als NLZ durch den DFB und die DFL ein entscheidender Schritt, um RWE langfristig zurück nach oben zu führen", sagt Winkler. Dafür hat er nun selbst eine weitere wichtige Voraussetzung geschaffen. Denn der 43-Jährige hat vor wenigen Tagen als einer von 22 "Lehrlingen" die Ausbildung zum Fußball-Lehrer, inklusive eines Praktikums beim Deutschen Rekordmeister FC Bayern München, erfolgreich angeschlossen.

Dabei war Winkler im 59. Lehrgang an der Hennes-Weisweiler-Akadamie (unter anderem mit Fürths neuem Cheftrainer Frank Kramer als dem Jahrgangsbesten sowie den ehemaligen Bundesligaprofis Otto Addo, Markus Anfang, André Breitenreiter, Ante Covic oder Thomas Meggle) der einzige Teilnehmer, der aktuell nicht als Trainer arbeitet oder arbeiten möchte, sondern bei seinem Verein ausschließlich administrative Aufgaben übernimmt.

Keine Zeit für Eingewöhnung in Hennef

Eine Eingewöhnungszeit wurde den Teilnehmern in der Sportschule Hennef schon zu Beginn des zehnmonatigen Lehrgangs unter der Regie von DFB-Ausbildungsleiter Frank Wormuth nicht gegönnt. "Es ging sofort zur Sache. Schon zwei Stunden nach meiner Ankunft musste ich die erste Präsentation halten", so Andreas Winkler. Eine zehntätige Reise zur U 19-Europameisterschaft 2012 nutzten die Lizenzanwärter dann, um sich besser kennenzulernen. "Dabei entdeckten Thomas Meggle und ich, dass wir über einige Ecken verwandt sind", schmunzelt der Essener Nachwuchskoordinator.

Mit der Prüfungsphase ab September musste Winkler, der in der Spielzeit 2008/2009 auch für ein Jahr die U 19 von RWE in der A-Junioren-Bundesliga trainiert hatte, in der Regel fünf Tage pro Woche für den Lehrgang opfern. "Von Montag bis Mittwoch waren Seminare in Hennef, ab Samstag habe ich immer für die zehn Vortests, später für die sechs Endprüfungen gelernt." Das geschah teilweise in Gruppenarbeit mit den Mitstreitern oder auch in Eigenarbeit "bei einem alkoholfreien Weizen".

Praktikum beim Rekordmeister Bayern München

Zur zehnmonatigen Ausbildung zum Fußball-Lehrer gehörte außerdem ein Berufspraktikum bei einem Verein aus der Bundesliga. Dafür reaktivierte Winkler seine alten Kontakte zu seinem Jugendklub, dem Rekordmeister FC Bayern München, bei der in der Saison 1990/91 zum Profikader gehört hatte, allerdings in der Bundesliga nicht zum Einsatz gekommen war.

"Ein Anruf bei Co-Trainer Herman Gerland hat gereicht, um den Platz zu bekommen. Das war vorher nur Stefan Effenberg und Michael Tarnat vergönnt. Es war ein schöner Weg zurück auf den Platz an der Säbener Straße, auf dem ich selbst vor 22 Jahren noch mit den Bayern-Profis trainiert hatte. Die Gebäude haben sich verändert, der Platz und viele Gesichter nicht. Jupp Heynckes war auch damals schon mein Trainer. Ein bisschen Glück gehört halt dazu, dass ein Heynckes heute wieder an der Seitenlinie des FC Bayern steht."

Winklers Höhepunkt: Arsène Wenger zu Gast in Hennef

Winklers persönlicher Höhepunkt während des Lehrgangs war der Vortrag von Arsène Wenger, seit 17 Jahren Trainer des englischen Spitzenklubs FC Arsenal. "Alle hingen an seinen Lippen. Er ist eine Ikone in unserem Beruf. Am meisten hängen geblieben ist Wengers Ratschlag, dass Fußballer heute wie Millionäre behandelt werden wollen und müssen. Man muss erklären, warum welches Trainingsprogramm absolviert wird."

Die eigentliche Arbeit des Essener Nachwuchskoordinators - wie etwa Spielergespräche, das Aufsetzen von Verträgen oder die Beschaffung von Ausrüstung - musste während der gesamten Ausbildungszeit zwischendurch oder unterwegs erledigt werden. Was liegen blieb, fingen häufig RWE-Jugendobmann Harald Bründermann oder die Trainer Marco Rudnik (U 19) und Jürgen Lucas (U 17) auf. "Denen muss ich wohl noch einen ausgeben, denn sie haben mir geholfen, wo es nur ging", betont Andreas Winkler.

NLZ bietet bessere Perspektive für Ausnahmetalente

Nun darf sich Winkler selbst mit dem Titel "Fußball-Lehrer", der höchsten Auszeichnung für Trainer in Deutschland, schmücken. Auch für das geplante Nachwuchsleistungszentrum der Rot-Weissen ist dies ein wichtiger Schritt. Der Deutsche Fußball-Bund setzt schließlich nicht nur zwei hauptamtliche Leiter einer solchen Einrichtung zur Talentförderung voraus. Mindestens einer muss über die Fußball-Lehrer-Lizenz verfügen. "Sportlich und personell ist unser Konzept bereits jetzt sehr ausgereift. Was teilweise noch fehlt, sind die strukturellen Bedingungen. Als nächsten Schritt werden wir uns noch vor der neuen Saison an den DFB wenden und uns die nächsten Schritte erklären lassen", so der ehemalige Mittelfeldspieler.

"RWE ist auf seine Jugendarbeit angewiesen und benötigt ein NLZ, um Talente dauerhaft an sich binden zu können", stellt Winkler klar. Die sportlichen Voraussetzungen sind durchaus günstig: Derzeit spielen sowohl die A- als auch die B-Junioren der Rot-Weissen in der Bundesliga, auch die weiteren Jugendteams mischen in der jeweils höchstmöglichen Spielklasse mit. Für einen Viertligisten ist das alles andere als selbstverständlich. Gerade im Rhein-Ruhrgebiet ist der Konkurrenzkampf um die besten Nachwuchskicker jedoch riesengroß. Profiklubs wie Borussia Dortmund, Schalke 04, Borussia Mönchengladbach, Fortuna Düsseldorf, aber auch der MSV Duisburg oder der VfL Bochum locken mit besseren sportlichen Perspektiven und besseren finanziellen Möglichkeiten.

Mit U 19-Torhüter Hendrik Bonmann, der kürzlich erstmals in die Junioren-Nationalmannschaft berufen worden war, steht bei den Rot-Weissen auch schon der erste Abgang eines großen Talents im Sommer bereits fest. Er wird als Profi zum BVB wechseln. Weitere RWE-Kicker sind umworben. "Erst mit einem NLZ wird es für uns möglich sein, langfristige Förderverträge anzubieten. Dann bleiben solche Ausnahmetalente auch bei uns", zeigt sich Andreas Winkler überzeugt.

"Wandervogel" Winkler in Essen sesshaft geworden

Seit inzwischen zehn Jahren arbeitet "Andy" Winkler an der Hafenstraße, lebt mit seiner Ehefrau Anke und seinen drei Kindern Lennart (9), Mattea (6) und Bennett (2) in Essen. So sesshaft zeigte er sich selbst als Spieler ganz und gar nicht. Von Bayern München wechselte er einst in die 2. Liga zu Blau-Weiß 90 Berlin, kam über Hannover 96, den VfB Lübeck, den VfL Wolfsburg, Eintracht Braunschweig und den 1. FC Magdeburg am Ende zu RWE, wo er seine Karriere 2003 wegen eines Kreuzbandrisses mit 32 Jahren beenden musste. Winkler war bis dahin in jeder Himmelsrichtung in Deutschland unterwegs.

"Titel sind dabei leider nicht herausgesprungen. Die schönste Zeit hatte ich in Hannover, wo ich Stammspieler wurde, unbeschwert spielen konnte und mit Trainer Eberhard Vogel einen phantastischen Förderer hatte", sagt der 43-Jährige.

In den Planungen der Essener Rot-Weissen für die nächsten Jahre spielt Andreas Winkler ebenfalls eine wichtige Rolle und darf sich auch schon bald häuslich neu einrichten. "Erstmals seit in Essen die Planungen für das neue Stadion begonnen haben, bekomme ich wieder ein eigenes Büro. Der Raum des Platzwarts in unserem Trainingszentrum an der Seumannstraße wird nun für mich umgebaut", freut sich der frisch gebackene Fußball-Lehrer.

 

Quelle: DFB/mspw

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