Westdeutscher Fussballverband e.V.
Fußball-Allgemein 19.03.2013

Gemeinsam gegen Gewalt im Fußball

Hermann Korfmacher zu Gast bei der Expertendiskussion im Landtag

Die vertrauensvolle und transparente Zusammenarbeit mit den polizeilichen Behörden setzt einen guten Trend (Foto: Revierfoto).

Nicht immer rollt der Ball bis zur 90. Minute. Stattdessen sorgen bisweilen Meldungen über Spielabbrüche im Amateurfußball für Schlagzeilen. Gewalttätigkeiten in Form von Schlägen und Tritten auf dem Spielfeld oder auch in Verbindung mit dem Zuschauerbereich werden dann zumeist von den Schiedsrichtern als Grund für den Abbruch in den Spielbericht eingetragen. Erst in diesem März sorgte der Abbruch einer Bezirksligapartie in Bottrop für Wirbel, nachdem sich ein dunkelhäutiger Torwart über rassistische Beleidigungen von den Rängen beklagt hatte und es in der Folge zu einem heftigeren Gerangel kam.

Eine ausführliche Stellungnahme von WFLV-Präsident Hermann Korfmacher lesen Sie hier!

Vor den Unparteiischen machen die tätlichen Übergriffe nicht Halt. Signalwirkung sollte das Urteil gegen einen Krefelder Amateur-Fußballer haben, der bei einem Hallenturnier den Schiedsrichter körperlich hart attackierte. Nach einem Tritt in den Rücken und einem Schlag in den Nacken des Unparteiischen, der daraufhin eine Woche arbeitsunfähig war, verhängte die Spruchkammer des Fußballkreises Kempen-Krefeld ein dauerhaftes Spielverbot. Der Täter kann nach drei Jahren allerdings ein Gnadengesuch stellen.

Ein weiterer Themenschwerpunkt, wenn es um die negativen Begleiterscheinungen des Lieblingssports der Deutschen geht, sind Ausschreitungen in den Bundesligastadien bis hin zu den Regionalligen. Vor allem die Verwendung der verbotenen Pyrotechnik und Tumulte in den Fanblocks, die teils in einem Platzsturm münden, stehen im Fokus der Berichterstattungen und werden medial mit einer großen Reichweite transportiert. Natürlich richten auch der Westdeutsche Fußball- und Leichtathletikverband (WFLV) ebenso wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball Liga (DFL) ein strenges Auge auf diese Entwicklungen und unternehmen alles, um den Gefahren entgegenzuwirken.

Expertenrunde im Landtag: v.li.: Holger Müller MdL, Wilhelm Hausmann Md:, Rainer Wendt, Karl-Josef Laumann, Andrea Milz MdL, Prof. Gunter Pilz, Volker Jung MdL, Hermann Korfmacher, Rolf Seel MdL.

Um über Ursachen der zunehmenden Gewalt im Fußballstadion und mögliche Handlungsoptionen zu diskutieren, hatte die CDU-Landtagsfraktion nunmehr zur Expertendiskussion in den NRW-Landtag eingeladen. Gerne nahm WFLV-Präsident Hermann Korfmacher in seiner Funktion als 1. Vizepräsident des DFB die Einladung an, als Experte zu referieren und an der Podiumsdiskussion teilzunehmen. Initiiert wurde der Fachkongress durch den Fraktionsvorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion, Karl-Josef Laumann, und den sportpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Holger Müller. Unter der Moderation der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Andrea Milz vervollständigten Prof. Dr. Gunter Pilz, Gewalt- und Konfliktforscher, und Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, die Expertenrunde.

Jeder Fall von Gewalt ist einer zu viel

Einigkeit herrschte zweifelsfrei in der Feststellung, dass jeder Fall von Gewalt auch im Fußball einer zu viel ist. „Es ist eine zwingende Verpflichtung der Vereine und Verbände, auch Einzelfälle kritisch zu hinterfragen und zielführend zu analysieren“, erklärte Hermann Korfmacher im Landtag. Der WFLV-Präsident rief zugleich dazu auf, vor allem das statistische Zahlenwerk differenziert zu betrachten: „Es ist die Behauptung erlaubt, dass alleine in einer Nacht in einer deutschen Großstadt mehr Körperverletzungsdelikte, Beleidigungen und Beschimpfungen polizeilich registriert werden, als bei Tausenden von Wochenendspielen der Jugend- und Seniorenmannschaften in ganz Deutschland.“ Unbestritten sei in diesem Zusammenhang, dass der Amateurfußball die Integration ausländischer Mitbürger, ausländischer Vereine, sozial schwacher Sporttreibender sowie die Akzeptanz des Fair-Play-Gedankens für alle Lebenssituationen durch den Wettkampf und begleitenden Projekten intensiv, nachhaltig und mit immer neuen Inspirationen positiv beeinflusst.

Laut statistischer Erhebungen in diversen deutschen Fußball-Landesverbänden sind es weniger 0,3 Prozent aller Spiele im Jugend- und Amateurbereich, in denen zuletzt Gewalttätigkeiten gegen Spieler dokumentiert wurden. In rund 0,05 Prozent der Spiele kam es zu Gewalttätigkeiten gegen Schiedsrichter. Ultimatives Ziel ist es natürlich, die Quote auf ein Minimum bis hin zum Nullpunkt zu senken. „Der Amateurfußball ist und bleibt aber ein Spiegelbild der Gesellschaft und somit können Normenverletzungen nicht gänzlich ausgeschlossen werden“, gab Hermann Korfmacher in der Expertenrunde zu bedenken.

 "Auch funktionierende Systeme überprüfen"

„Wir haben in Deutschland weltweit die führende Rolle was die Zusammenarbeit mit den Fans betrifft. Beispielhaft sind hier die zahlreichen Fanprojekte, haupt- und ehrenamtlichen Fanbetreuer, die regelmäßig stattfindenden Fankongresse, usw. zu nennen. Es ist aber auch richtig, dass auch gut funktionierende Systeme dauerhaft hinsichtlich einer Optimierung zu überprüfen sind. Dies geschieht derzeit in der deutschen Fußballlandschaft sehr extrem“, führte Hermann Korfmacher aus.

Klare Gesetzeslage

Für den WFLV als Träger der Regionalliga West ist es ein guter Trend, dass bisher vornehmlich vom guten Sport in einer sicheren Spielklasse gesprochen werden kann. Gerade im Westen kommt es aufgrund der geringen Anfahrtswege in Nordrhein-Westfalen und dem Ballungsaufkommen von namhaften Traditionsvereinen nahezu jedes Wochenende zu attraktiven Derbys. „Die professionelle Arbeit  im Bereich der Sicherheit in den Vereinen, eine nahezu optimale Umsetzung der gesetzten Sicherheitsmindeststandards in den Stadien sowie die absolut vertrauensvolle und transparente Zusammenarbeit mit den polizeilichen Behörden führten bislang zu einer stimmungsvollen, sicheren Regionalliga West, die bei der Betrachtung der Spielpaarungen Erinnerungen an alte Zeiten aufkommen lässt“, erläuterte Hermann Korfmacher. Bei vier der 202 Begegnungen zwischen August und Dezember 2012 wurde der Gebrauch von Pyrotechnik festgestellt. „Diesbezüglich gibt es bekanntlich eine klare Gesetzeslage. Das Abbrennen jeglicher Art der Pyrotechnik ist für nicht berechtigte Personen nach dem Strafgesetzbuch, der Versammlungsstätten- und weiteren nachgeordneten Landes- und Kommunalverordnungen verboten“, erklärte Hermann Korfmacher.

"Fans in die Pflicht nehmen"

Gunter A. Pilz, Deutschlands bekanntester Fußball-Fanforscher, hat zudem im Kampf gegen Gewalt die Selbstregulierung, die Arbeit in den Fanprojekten und den ständigen Dialog mit den Fans als bedeutende Instrumente betont. „Die Fans müssen in die Pflicht genommen werden, sich von gewaltbereiten Gruppierungen zu distanzieren“, sagte Pilz bei der Expertenrunde. Pilz, der den DFB unter anderem als Mitglied der Kommission Prävention und Sicherheit berät, ordnete speziell die Kommunikation zwischen Verbänden, Vereinen und auch Polizei mit den Fans als wichtiges Mittel ein. Er sieht beim Drei-Säulen-Modell Selbstregulierung, soziale Arbeit in den Fanprojekten und Dialog allerdings teilweise noch Umsetzungsprobleme: „Da sind wir noch ein Stück weit gefordert.“

Keine andere Sportart begeistert die Deutschen so sehr wie der Fußball. Vor allem aber zeigt es sich daran, dass jedes Wochenende Tausende Fußballbegeisterte in die Stadien der Bundesliga-Vereine strömen, um ihre Mannschaften lautstark zu unterstützen. Wer sich aber nicht benehmen kann, soll draußen bleiben. Im Zuge einer Expertenanhörung, die am 7. März im nordrhein-westfälischen Landtag abgehalten wurde, forderte bezüglich diverser Stadionverbote DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig Fingerspitzengefühl. In Fällen, die verschieden ausgelegt werden könnten, müsse „man auch mal fünfe gerade sein lassen“, sagte er in Düsseldorf. Sofern Fans aber ein gravierendes Fehlverhalten nachgewiesen werden könne, müsse dies auch sanktioniert werden – „ohne Wenn und Aber“.

Die meisten Fans sind friedlich

Im Rahmen dieser Anhörung diskutierten ebenfalls Fußball-Experten im Landtag darüber, wie Gewalt in und um die Stadien eingedämmt werden kann. Der Innen- und der Sportausschuss hatten dazu Vertreter von Fußballverbänden, Polizei, Vereinen, Wissenschaft und Fans geladen. Einig waren sich die Experten, dass die meisten Fans friedlich seien - und dass sie mitreden sollen. „Wir haben aber einen kleinen Teil - und den bezeichnen wir mit 4000 -, der für die Polizei nicht mehr erreichbar ist“, sagte der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft GdP, Arnold Plickert. Er forderte schnellere Verfahren gegen Krawallmacher.

Der Kriminologe Thomas Feltes warnte vor einem Vertrauensverlust durch übereilte Stadionverbote. Zu oft würden diese ungeprüft ausgesprochen. Seine Forderung: Flexiblere Maßnahmen, etwa Stadionverbote auf Bewährung. Bei den Kosten für Polizeieinsätze will der NRW-Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus, die Vereine in die Pflicht nehmen. Ein Drittel der Hundertschaften arbeite nur bei Fußballspielen - wodurch die Kräfte woanders fehlten. DFL-Geschäftsführer Rettig wies Forderungen nach einer Kostenbeteiligung nach der Anhörung aber zurück.

"Den Problemen öffnen"

„Gerade für NRW ist zu sagen, dass hier der Fußball zu Hause ist und sieben Tage in der Woche 24 Stunden gelebt wird. Daher ist es auch hier so wichtig, dass wir uns den Problemen öffnen, sie nicht dramatisieren und skandalisieren aber stetig an der Optimierung der Fußballgesellschaft arbeiten“, erklärte Hermann Korfmacher und betonte im Landtag mit Nachdruck: „Es ist nochmals zu unterstreichen, dass die Kommunikation zwischen den Verbänden, den Vereinen, den Fans, der Wissenschaft, der Politik und den staatlichen Sicherheitsorganisationen das allerwichtigste Wichtigste ist. Nur so können Lösungen gefunden werden, die von einer breiten Masse getragen werden. Alle werden wir nie erreichen aber wir sollten bemüht sein, so viele wie möglich zu erreichen.“

Spielberechtigungen Regionalliga West