Westdeutscher Fussballverband e.V.
Freizeit- und Breitensport 05.07.2013

„Mädchen mittendrin“: Fußball als soziale Integrationskraft

Projektleiter Dr. Ulf Gebken und FLVW-Vizepräsident Klaus Jahn bei der Siegerehrung der siegreichen Emsschule Rietberg

Fußball-Turnier „Mädchen mittendrin“ im SportCentrum Kamen-Kaiserau: Junge Migrantinnen und Mädchen aus sozial schwächeren Familien zum Vereinssport bringen

 

Hatife ist im Ballbesitz, läuft auf das gegnerische Tor, stolpert – und fällt auf dem Kunstrasenplatz genau auf das Gesicht. Sie bleibt liegen, weint. Sofort eilen Betreuer und Mitspielerinnen herbei, kümmern sich rührend um das Mädchen. Sie wird liebevoll in den Arm genommen, getröstet und vom Platz geführt. Nach einigen Streicheleinheiten ist der Schmerz offensichtlich vergessen, sie kehrt in das noch laufende Match zurück, kommt sofort an den Ball, schießt und trifft ins gegnerische Tor. Der entscheidende Treffer für die Bückardtschule Bielefeld. Die Szene beschreibt auch treffend eine der vielen Momente des Turniers, wo das Konkurrenzdenken zwar groß, aber das Miteinander weitaus ausgeprägter ist. Hatifes Tor bedeutet Rang drei im Turnier des Projekts „Mädchen mittendrin“ im SportCentrum Kamen•Kaiserau.

Bei der Siegerehrung kann Hatife schon wieder lachen, als sie mit ihren Mannschaftskameradinnen den Pokal, Medaillen und eine Urkunde  aus den Händen von FLVW-Vizepräsident Klaus Jahn und Dr. Ulf Gebken, dem Projektleiter sowie Turnierleiterin Ellen Köttelwelsch von der Universität Duisburg-Essen, entgegen nimmt. Ihre Mannschaft musste allerdings der Emsschule Rietberg (Platz eins) und der Grundschule Neuenkirchen-Rietberg (Platz zwei) den Vortritt lassen. Überall freudige Gesichter, erhellend im Dauerregen, der die Veranstaltung begleitete, und nach Stunden Fußball, der den Mädchen aus den dritten und vierten Klassen der Grundschulen einiges abverlangte.

Fast 200 Mädchen aus 15 Schulen kickten beim Turnier „Mädchen mittendrin“. Vorausgegangen war ein intensives Üben in der jeweiligen Schul-AG mit- und gegeneinander. Die Grundschülerinnen und ihr Betreuerstab kamen aus den westfälischen Projektstandorten Hagen, Bielefeld, Münster, Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen, Herford und Gütersloh und ermittelten ihren Turniersieger.

Das Projekt „Mädchen mittendrin“ wird von den Universitäten Duisburg-Essen und Oldenburg begleitet und seit 2009 inzwischen in 20 Städten in Nordrhein-Westfalen umgesetzt. Neben diesem Turnier sieht es die Bausteine Mädchenfußball-AGs, die Ausbildung von jugendlichen Fußballassistentinnen zu Übungsleiterinnen und die Durchführung von Mädchenfußball-Camps vor. Hintergrund: Der Migrantenanteil im Frauenfußball lässt im Gegensatz zu den Männern zu wünschen übrig, liegt in den Schul-AGs jedoch bei 70 Prozent. „Ziel ist es, junge Migrantinnen und Mädchen aus sozial schwächeren Familien zum Vereinssport zu bringen und sie damit mehr in unsere Gesellschaft zu integrieren“, erläuerte Dr. Gebken, „der Fußball hat dabei bekanntermaßen eine besonders hohe soziale Integrationskraft.“ Diese Erfahrung machte der Professor der Universität Oldenburg, als seine Tochter erste Berührungen mit dem Fußball in der Schule hatte, ihn mit den sozialen Aspekten nachhaltig konfrontierte und beeindruckte.

Gebken stieß das Projekt an, das vor allem in Städten und Vororten, wo der Migrationshintergrund besonders hoch ist und in einem Zeitraum von 2009 bis 2014 durchgeführt wird. Er und sein Team kümmern sich dabei um die Vernetzung, die Organisation und die Auswertung der Integrationsauswirkungen. Er scharte an seine Seite den DFB, das NRW-Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport und den Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen. „Diesem Thema stellen wir uns gerne“, unterstrich Vizepräsident Klaus Jahn am Turniertag die Verbundenheit seines Verbandes, „durch den Fußball kommen wir doch so an die Mädchen heran und über die Fußball-AGs an den Schulen stößt man nicht auf so viel Widerstand in den Migranten-Familien wie in einem Fußball-Verein. Ziel ist es, diese Mädchen an den Vereinsfußball heranzuführen. Unser heutiger Vereinsfußball ist ohne verschiedene Kulturen undenkbar.“

Gestützt ist das Projekt auf vier Bausteine: Der Gründung von Fußball-AGs für Mädchen in den Grundschulen, der Ausbildung von Fußball-Assistentinnen, die Schulmannschaften betreuen, der Gestaltung von Mädchenfußball-Camps, die die Schülerinnen zusammen führen sollen und der Austragung von Fußball-Turnieren, wie jetzt im SportCentrum Kamen•Kaiserau zu sehen war. Die Zuständigkeit der vier Säulen obliegt Ellen Köttelwesch von der Uni Duisburg-Essen.

 

Quelle: FLVW

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