Westdeutscher Fussballverband e.V.
Fußball-Allgemein 22.03.2013

Mallocher mit goldenem Besteck:
EM-Kapitän „Ennatz“ Dietz wird 65

NRW-Ikone

Einsatz pur: Bernard Dietz (Foto: MSV Duisburg)

Als "sein" Verein kurzerhand in „MSV Dietzburg“ umgetauft wurde, sagte das einiges über den Stellenwert von Bernard Dietz aus. Der Schmiedegeselle aus Westfalen hat sich sogar bis zum Kapitän der EM-Siegerelf von 1980 gekämpft. Am Freitag wird der Prototyp des Fußball-Mallochers 65.

Wenn Bernard Dietz über den historischen Moment redet, als er den EM-Pokal als Erster in den Himmel von Rom recken durfte, schwingt immer noch eine Menge Ehrfurcht mit. "Kaum zu glauben, da stand der kleine Arbeiter aus dem Ruhrpott plötzlich ganz oben und war Europameister", erinnert sich Dietz. 1980 führte er als Kapitän die deutsche Nationalelf im EM-Finale zum 2:1-Sieg über Belgien. Am Freitag (22. März) feiert er seinen 65. Geburtstag, reif für die Rente fühlt sich Dietz aber noch lange nicht. "Wichtig ist, dass ich den Rasen riechen kann", sagte der NRW-Fußballer aus Leidenschaft.

Ikone in Zebra-Streifen: Bernard Dietz (Foto: MSV Duisburg).

Dietz, den alle "Ennatz" rufen, ist lieber im Einsatz. Schon ab dem nächsten Dienstag engagiert er sich in Duisburg-Rumeln in der Fußballschule, die er regelmäßig mit seinem Sohn Christian veranstaltet. Noch dringender aber ist sein Engagement beim Zweitligisten MSV Duisburg gefragt. Dietz steht als Berater des Vorstands für alle Fußballfachfragen zur Verfügung. Und nicht nur das: Als der Club im August 2012 nach der Beurlaubung von Oliver Reck plötzlich ohne Trainer war, übernahm Dietz für eine Woche mit die Verantwortung.

Gemacht hatte er das nur, weil es eben "sein" MSV war. Eigentlich hatte er mit dem Trainergeschäft bereits in November 2006 nach einem Engagement beim damaligen Regionalligisten RW Ahlen abgeschlossen und desillusioniert gesagt: „Ich brauche den Trainerjob nicht mehr.“ Seine Werte seien nicht mehr gefragt gewesen. Er konnte es nicht ertragen, dass Spieler ohne Freude zum Training kamen und er sich nachher vor den Beratern für seine Aufstellungen rechtfertigen musste. „Mir ging es nie ums Geld, aber heutzutage wird um jeden Cent gefeilscht, obwohl Einsatz und Leidenschaft nicht stimmen“, meinte Dietz.

Dass er in Duisburg den Rang einer Fußball-Ikone erhalten hat, macht Dietz allerdings enorm stolz. 394 Bundesliga-Partien bestritt der gelernte Schmied, der während seiner Gesellenzeit zwei Finger verloren hatte, zwischen 1970 und 1982 für die „Zebras“ und wurde zum Prototyp des Mallochers. „Marschieren, kämpfen und den Fußball genießen, das war meine Welt“, sagte Dietz, der als Linksverteidiger am 5. November 1977 sein erfolgreichstes Ligaspiel machte. Beim 6:3-Sieg gegen Bayern München gelangen ihm vier Tore. „Dabei sollte ich als Gegenspieler von Karl-Heinz Rummenigge Tore verhindern. Aber dann habe ich eben die Bayern abgeschossen“, erzählte "Ennatz" mit einem Schmunzeln.

Mit dem MSV erreichte der im westfälischen Bockum-Hövel geborene Fußballer das DFB-Pokalendspiel (1975) und das UEFA-Cup-Halbfinale (1979), die Zeitungen tauften seinen Verein kurzerhand in „MSV Dietzburg“ um. Als er nach dem Erstliga-Abstieg 1982 kein neues Angebot erhielt, habe er geweint und wechselte zu Schalke 04 (101 Bundesligaspiele): „An den ersten Trainingstagen bin ich immer an Gelsenkirchen vorbeigefahren und steuerte Gedanken versunken Duisburg an.“

Mit 221 Pleiten in den 495 Bundesliga-Einsätzen hält er einen bemerkenswerten Rekord. Kein Fußballer verlor in der Eliteliga häufiger. "Sensationell, aber ich habe mit Duisburg und Schalke halt fast jede Saison gegen den Abstieg gespielt. Folglich wurden mehr Spiele verloren als gewonnen", erklärte Dietz, der damit locker umgehen kann: "Niederlagen gehören zum Sport eben dazu."

Seinen größten Triumph feierte Dietz 1980 im EM-Finale in Rom. „Wir hatten eine tolle Truppe und das nötige Glück, in der 89. Minute durch Horst Hrubesch den 2:1-Siegtreffer im Finale gegen Belgien zu erzielen“, sagte Dietz, der wohl der einzige Duisburger Fußballer ist, der jemals mit goldenem Essbesteck speisen durfte. „1980 beim Empfang im Feinschmecker-Restaurant Alfredo vor dem Finale in Rom wurde mir diese Ehre als Kapitän zu teil“, erzählte Dietz. Dass der Kellner ständig hinter ihm stand, hat er ebenfalls nicht vergessen: „Der hatte wohl Angst, dass ich die Löffel klaue.“

Quelle/Autor: Roland Leroi/WFLV

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