Westdeutscher Fussballverband e.V.
Allgemein 21.11.2012

Offener Ganztag an NRW-Schulen:
Den Sportvereinen Rüstzeug an die Hand geben

Reges Interesse gab es an der Fachtung

Fußball und Leichtathletik nehmen im in der schulischen Ganztagsbetreuung eine immer wichtigere Rolle ein. Dennoch könnte sie weiter gestärkt werden, vor allem was die eigentliche olympische Königsdisziplin Leichtathletik anbelangt. Die Ausgangsfrage des Seminars „Fußball und Leichtathletik im Ganztag – kooperieren oder kapitulieren? Chance oder Risiko?“ sei eindeutig zu beantworten: Zusammenarbeiten als Team. Das ist das Fazit einer sehr gut besuchten grenzüberschreitenden Fachtagung am 15. November im SportCentrum Kamen•Kaiserau. Veranstalter war die Europäische Akademie des Sports (eads), Bocholt/Velen, mit den Co-Partnern Willibald Gebhardt Institut (WGI) Essen, dem Westdeutschen Fußball- und Leichtathletik-Verband (WFLV) sowie dem Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW).

In seiner Begrüßung brachte Reinhardt te Uhle von der Europäischen Akademie des Sports seine Freude zum Ausdruck, dass „ich Partner von uns aus den Niederlanden, insbesondere aus der Stadt Enschede, sowie aus der benachbarten Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens  begrüßen kann. Unser Thema zeigt, das wir uns mit dieser Thematik in einem Spannungsfeld befinden, das – wenn überhaupt – nur gemeinsam durch Schule und Vereine im kommunalen Raum umsetzbar ist.“ Seit 2003 bestehe für die Schulen durch die Einführung des  Offenen Ganztags die Chance, sich für neue Formen des Lernens, für neue Partner zu öffnen. Gleichzeitig gelte es für Vereine, ihr Angebot für den schulischen Nachmittag in ein integratives Konzept einzupassen. Angesichts von fehlenden Hallenzeiten, fehlenden qualifizierten Mitarbeitern am frühen Nachmittag ist das laut te Uhle „ein nicht immer leichtes Unterfangen“. Eine Vernetzung sei sehr wichtig. Dies habe das grenzüberschreitende Gesundheitsprojekt-Projekt („gkgk“) ganz klar gezeigt.

„Vereine suchen in Schulen händeringend nach Talenten“

WGI-Leiter Professor Dr. Roland Naul unterstrich in seinen Ausführungen zum Thema „Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule“, dass der Deutsche Fußballbund (DFB) schon 2005 das Thema aufgegriffen und sozusagen Pflöcke eingeschlagen habe. In Schulen „wird händeringend nach Talenten“ gesucht. Das Ganze sei aber keine Einbahnstraße: „Schulen, Vereine und Kommunen als Schulträger sollten ein Team bilden, auch im Interesse der Kinder, Sport anbieten zu können.“ Nach Nauls Erhebungen gibt es 200 000 Ganztagsschüler in NRW. Davon wiesen bis zu 80 Prozent Haltungsschäden auf. Es gäbe Sechsjährige, die schafften im Standweitsprung 1,60 Meter, andere aber nur 36 Zentimeter.

Nauls Feststellung: „Die große Mehrheit der Ganztagskinder bedarf heute einer breiten motorischen und gesundheitlichen Förderung.“ An einem vierjährigen Gesundheitsprojekt „Gesunde Kinder in gesunden Kommunen“ unter Führung des WGI werden 2000 Kinder in 40 Schulen und zwölf Kommunen in den Niederlanden und Westdeutschland getestet – und sportlich verbessert. Nach WGI-Erhebungen ist der Fußball in NRW mit 227 Angeboten (19 Prozent) im Ganztagsschul-Angebot vertreten, die Leichtathletik aber nur mit 17 Angeboten, die klägliche 1,4 Prozent ausmachen.

„Für den Offenen Ganztag wird definitiv an Übungsleiter zu wenig bezahlt“, erklärte Uwe Wick vom WGI über Sportvereine im Offenen Ganztag an Grundschulen. Wick stellte Ergebnisse einer NRW-weiten Evaluation der BeSS-Angebote (Bewegung, Spiel und Sport) vor. „Viele Vereine kannten im Erhebungszeitraum der Studie 2009 und 2010 die Angebote nicht. Schulischer Wunsch und Vereinsangebot müssen natürlich zusammenpassen“, sagte Uwe Wick. Er riet den Vereinen, aktiver zu werden, auch wenn zum Teil zahlreiche behördliche Hürden zu meistern seien.

Interessante Einblicke in Spiel und Sport in den Niederlanden

Jurgen Schiphorst koordiniert in der Gemeinde Enschede (153 000 Einwohner) Sport und Aktivitäten mit Schulen und Vereinen und der Verwaltung. Er ist in Enschede Makler für den Sport, Entwickler und Ansprechpartner („Sportconsulent“). Eines seiner Ziele: Die Kinder und Bürger zu mehr Sport zu animieren. Mit 35 Vereinen und 18 Grundschulen und einem Gesundheitszentrum gibt es Absprachen zur Zusammenarbeit. Enschede ist eine der aktivsten Städte in den Niederlanden mit einer traumhaften Quote von mehr als 70 Prozent der Menschen, die Sport treiben. In NRW liegt sie bei etwa 30 Prozent.

Mariele Wisselink berichtete als Schulleiterin der Grundschule „De Windroos“ in Enschede. In sie gehen 210 Kinder aus 25 Nationen mit einem Migrationsanteil von 60 Prozent im Süden Enschedes. Die Schule arbeitet seit 1985 integrativ.

Kosten für verschiedene Maßnahmen werden selber hereingeholt, zum Beispiel durch Einsammeln von Altpapier oder Trödelmärkte. Mit einem Teil beteiligen sich die Eltern. Mit dem FC Twente werden Clinics (Trainingseinheiten) abgehalten, und über die Kooperation mit dem Spitzenclub der niederländischen ersten Liga sind die „Kinder schlichtweg begeistert“, sagte die Rektorin. Sie hat es geschafft, dass pensionierte Kollegen einmal wöchentlich ehrenamtlich wieder Schulunterricht geben.

Jan van der Molen, früher selbst Pädagoge, berichtete über Beeball (ähnlich dem Baseball) für Kinder zwischen fünf und neun Jahren in Holland, speziell bei den Tex Town Tigers. Der Holländer stellte das Modell „Schule und Sport“ vor: Daraus entwickele sich für Fünfjährige und Ältere Softball für Mädchen und Honkball für Jungen, wenn sie älter werden. 2001 war der Start mit sieben Teams, 2012 machten schon 60 mit. Van der Molen ist Idealist: „Kinder und überhaupt alle Leute sollten sich ein Leben lang bewegen.“

Maaike Nootboom, Sportkoordinatorin und Bewegungslehrerin in Enschede, arbeitet mit 31 Sportorganisationen zusammen. Der Fachbegriff: „Combinatiefuctionaris Sport“. Sie unterrichtet auch selbst Sport in einer Kindergruppe mit bis zu 36 Mädchen und Jungen. So gibt es beim „Sportboulevard Enschede“ auch Sport in der Wohnumgebung, Feriensport oder eine nationale Sportwoche in ganz Holland. Kinder können sportlich probieren, was sie möchten. An der nationalen Sportwoche nahmen 4200 Basisschulen mit 145 000 Kindern teil, die zu einer vorbestimmten Zeit in ganz Holland alle denselben Tanz vorführten – auch für eine Eintragung ins Guinessbuch der Rekorde. Eine andere Aktion ist eine „Woche des Respekts“. Mit einer „SportZappCard“ können zum Kennenlernen fünf Sportdisziplinen für zusammen zehn Euro gewählt, kennengelernt und jede vier Wochen lang ausprobiert werden – auch das ist ein niederländisches Erfolgsmodell, das die deutschen Zuhörer in Kamen überzeugte.

Gute Ganztagserfahrungen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens

Über „Spiel, Sport und Ganztagsschule aus belgischer Sicht“ informierte Norbert Kever von der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (DG, 76 000 Einwohner) aus Eupen. Dort werden seit Jahren mit der Ganztagsschule gute Erfahrungen gemacht. Mittwochs nachmittags ist schulfrei, traditionell werden an diesem Tag Schulmeisterschaften ausgerichtet.

Wer Sport als Leistungskurs wählt, hat vier bis sechs Stunden Sportunterricht in der Woche. Die Kooperationen zwischen Schulen und Vereinen funktionieren: Vereine stellen Trainer ab, Schulen die Infrastruktur. Der „Anreiz für die Clubs“ bestehe laut Kever darin, mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu treten für deren favorisierte Sportart; Schulen könnten ihr Sportangebot erweitern und von qualifizierten Trainern lernen. Im Schulsportprogramm 2012/2013 werden internationale Titelkämpfe ausgetragen in sieben Disziplinen: Basketball, Schwimmen, Tennis, Fußball, Orientierungslauf, Leichtathletik, Gymnastik.

„NRW bewegt seine Kinder“

Astrid Kraning, Referentin beim FLVW, stellte das Programm „NRW bewegt seine Kinder“ vor. Der Verband sei in diesem Projekt Vermittler zwischen Schule und Verein. Aktivitäten werden in „Schulsport Leichtathletik“ (Fortbildung, Ganztag, Landessportfeste, Aktionstage) und „Sportverein-Schule-Kita“ (Jugend trainiert für Olympia, Schulpatenschaften mit Namibia, Streetsoccertour, Tag des Schulfußballs) gebündelt.

Beim Programm Leichtathletik im Offenen Ganztag besteht eine Kooperation zwischen dem Traditionsverein TV Wattenscheid 01, der schon zahlreiche Olympiasieger hervorgebracht hat, und der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule in  Bochum, eine Eliteschule des Sports und des Fußballs. Dort genießen Schüler die Förderung einer Doppelkarriere in Schule und Leistungssport. Die Schule hat außerdem den Zweitligisten VfL Bochum und Blau-Weiß Bochum als Partner.

„Jugendoffensive 2020“ des FC Wetter fördert junge Menschen nachhaltig

Walter-Julius Stolte vom FC Wetter 10/30 stellte eine Kooperation des Vereins mit der Sekundarschule Wetter vor. „Mein Ziel war immer, alle mit ins Boot zu nehmen.“ Es entstand eine Jugendinitiative mit Vorbildfunktion. Einer von vielen Partner neben der Südwestfälischen Industrie- und Handelskammer zu Hagen, einer Realschule auch die DFB-Partnerschule des Fußballs. Wichtig war dem Verein aus Wetter, neue Wege zu gehen nach dem Marketingkonzept: „Der Mensch ist besser motiviert, wenn ihm eigener Nutzen widerfährt.“ Die „Jugendoffensive 2020“ fördert junge Menschen ganzheitlich und nachhaltig. Ihr zugkräftiges Motto: „Fußball als Motivator“. Unterstützt werden Teamfähigkeit, Motorik, Selbstdisziplin, Ernährung und Ausbildung.

Viel Stoff in der Podiumsdiskussion

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde auch die Forderung erhoben, dass sich die Leichtathletik stärker in den Ganztag einbringen möge. Das sei nicht ganz leicht zu stemmen, sagte Hans-Gerhard Schulz, Vizepräsident Leichtathletik im Westdeutschen Fußball- und Leichtathletik-Verband (WFLV): „Wir haben Probleme mit dem Ganztag. Nur eine Frage von vielen ist für uns: Was machen wir mit den Übungsleitern, die voll berufstätig sind und nachmittags keine Zeit haben, Schulkinder zu betreuen?“

Norbert Giesen, Leiter der Gesamtschule Rheinberg (Kreis Wesel), früher auch Fußballtrainer und im Fußballverband Niederrhein ehrenamtlich tätig: „Den Vereinen muss ein Rüstzeug mit an die Hand gegeben werden. Wir entwickeln uns derzeit schulisch hin zu einem Zwei-Säulen-Modell zu Sekundarschule und Gymnasium mit vielen neuen Schulgründungen in NRW. Der Sport im Ganztag hat nach wie vor eine große Chance. Die sollte er nutzen.“

Walter-Julius Stolte: „Wir müssen das Problem lösen und unseren Nutzen aus dem Ganztag ziehen. Das tun wir beim FC Wetter auch.“

Heiner Meyer, Vorsitzender der Kommission Schulsport (Leichtathletik) des FLVW, sieht für die Disziplin Leichtathletik großen Aufholbedarf: „Früher hatte die Leichtathletik einen wesentlich höheren Stellenwert, auch in der Schule. Viele Sportlehrer haben nicht mehr die erforderliche Fachkenntnis.“

Der Verein Unicef-Kicker St. Hubert aus Kerpen am Niederrhein hat schlechte Erfahrungen gemacht: „Die Vereine brauchen Hilfe. Sie werden seit Jahren an der langen Leine hingehalten, ohne dass etwas passiert“, klagte Vereinsvertreter Karl-Heinz Josten.

„Wohin führt der Ganztag den Sport?“, fragte ein Diskussionsteilnehmer. Die Clubs verlören junge Mitglieder, weil sie spätnachmittags keine Lust mehr auf Vereinssport hätten. Ein Verein beklagte demnach den Austritt von 300 Mitgliedern (von 1200 insgesamt) innerhalb kürzester Zeit.

Reinhard Lindecke vom SC Bayer 05 Uerdingen bekräftigte: „Im Ganztag über den Sport wird Respekt und Achtung vor dem anderen gelernt. Das Beispiel Enschede zeigt das. Insofern wird der Ganztag auch der gesamten Gesellschaft nutzen.“

Moderationsleiter Uwe Wick (WGI) schloss mit dieser Forderung: „Der Offene Ganztag sollte vor allem den Kindern nutzen!“

 

Quelle: FLVW

 

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