Westdeutscher Fussballverband e.V.
Regionalliga West 29.01.2014

Reiche: "Lebensgefahr hatte
ich nicht auf dem Schirm"

Angst vor Kopfballduellen? "Vielleicht bin ich am Anfang etwas vorsichtiger", sagt Reiche

Eigentlich war es eine harmlose Aktion am 21. November des vergangenen Jahres. Ein Kopfballduell im Training mit einem Mitspieler. Was aus dieser Szene folgte, wird Daniel Reiche vom West-Regionalligisten FC Viktoria Köln nie mehr vergessen: Schädel-Hirn-Trauma, Krankenhaus, Lebensgefahr.

Doch Reiche hatte Glück im Unglück. Er musste nicht operiert werden, er hat keine bleibenden Schäden davongetragen. Mittlerweile ist der Abwehrspieler sogar wieder auf den Platz zurückgekehrt. Er darf zwar noch nicht wieder mit seinen Kollegen und dem Ball trainieren, aber immerhin Laufeinheiten absolvieren.

Was für andere eine Strafe wäre, ist für den 25-Jährigen ein Segen. Er ist wieder bei seinen Kollegen, er ist wieder Teil des Teams beim Tabellenvierten. "Das sehe ich schon als großen Fortschritt an", sagt Reiche im DFB.de-Interview mit Mitarbeiter Sven Winterschladen. "Auch für die Psyche ist das sehr wichtig. Ich fühle mich jetzt beinahe wie nach einer normalen Verletzung."

DFB.de: Herr Reiche, die wohl wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen gut zwei Monate nach dem schweren Trainingsunfall am 21. November des vergangenen Jahres?

Daniel Reiche: Eigentlich sehr gut. Die Ärzte loben mich. Auf den Bildern sieht es den Umständen entsprechend gut aus. Ich kann bereits wieder etwas Sport machen. Allerdings nur laufen, dabei kann ich die Intensität langsam steigern. Auf Kontaktsport muss ich vorerst verzichten. Auch den Ball darf ich noch nicht dazu nehmen. Das wird etwas dauern. Ich habe jedoch die Geduld. Ich bin sehr froh über jede Trainingseinheit, die ich machen darf.

DFB.de: Glauben Sie, dass es in dieser Saison noch mit einem Comeback klappen könnte?

Reiche: Das hoffe ich. Aber die Ärzte können keine genaue Prognose abgeben. Wir müssen Untersuchung für Untersuchung abwarten. Es hängt davon ab, wie die Knochen im Kopf zusammenwachsen. Es hängt davon ab, wie sich das Blut an den betroffenen Stellen zurückbildet. Es sind mehrere Faktoren, die ineinandergreifen. Die Ärzte geben erst Grünes Licht, wenn wirklich wieder alles in Ordnung ist. Das Risiko darf für mich nicht anders sein als bei allen anderen auch. Das ist mir sehr recht so. Ich will nichts überstürzen. Ich kehre erst zurück, wenn alle Gefahren ausgeschlossen sind.

DFB.de: Haben Sie denn Gewissheit, dass Sie auf den Platz zurückkehren werden?

Reiche: Ja, das schon. Es gab zumindest nie eine gegenteilige Äußerung der Ärzte. Es war eigentlich von Anfang an klar, dass es wieder heilen wird. Anders wäre die Situation vielleicht nach einer Operation und möglichen Folgeschäden gewesen.

DFB.de: Glauben Sie, dass Sie auf Grund Ihrer Verletzung später Angst haben werden, wieder Kopfballduelle zu bestreiten?

Reiche: Vielleicht bin ich am Anfang etwas vorsichtiger, aber das ist man ja nach jeder längeren Verletzung. Mit der Zeit kommt die Sicherheit zurück. Eine Garantie dafür gibt es jedoch nicht.

DFB.de: Seit über acht Wochen sind Sie nun nicht mehr bei der Mannschaft. Wie sehr fehlt Ihnen der Fußball?

Reiche: Schon sehr. Fußball ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich bin froh, dass ich immerhin wieder beim Training dabei sein kann. Ich kann noch nicht mitspielen, aber ich kann laufend meine Runden um den Platz drehen. Das sehe ich schon als großen Fortschritt an. Auch für die Psyche ist das sehr wichtig. Ich fühle mich jetzt beinahe wie nach einer normalen Verletzung. Beispielsweise wie nach einem Bänderriss oder einem Fußbruch. Es ist ja nicht außergewöhnlich, dass ein Fußballer mal längere Zeit ausfällt. Der Unterschied ist nur, dass die Ärzte etwa beim Kreuzbandriss sagen können, dass man normalerweise nach einem halben Jahr wieder fit ist. Bei mir ist so eine Prognose noch nicht möglich.

DFB.de: Welche Erinnerungen haben Sie an den 21. November, an den Zusammenstoß mit Ihrem Mitspieler?

Reiche: Wir haben ein ganz normales Aufwärmspiel gemacht. Plötzlich sind wir mit den Köpfen zusammengeknallt. Da hat es schon ordentlich gescheppert. Ich habe mir erst keine großartigen Sorgen gemacht. Mein erster Gedanke war: Oh Mann, jetzt ist der Kiefer gebrochen und ich kann nur Suppe essen - und das in der Weihnachtszeit. Es ist ja normal, dass man im Training mal etwas abbekommt. Aber nach einigen Augenblicken hatte ich das Gefühl, dass an der Seite in der Nähe der Schläfe etwas nicht in Ordnung ist. In der Kabine habe ich die Stelle zunächst gekühlt. Dann hat mich unser Trainer Claus-Dieter Wollitz angeschaut. Und er meinte, dass ich gar nicht gut aussehe und ich mich besser mal ins Krankenhaus zum Röntgen bringen lassen solle.

DFB.de: Was geschah dann im Krankenhaus?

Reiche: Dem Arzt habe ich ebenfalls nicht richtig gut gefallen. Wir haben eine Computertomografie gemacht, und dabei wurde festgestellt, dass ich ein Schädel-Hirn-Trauma hatte und Blut im Kopf war. Es ist bitter gelaufen für mich.

DFB.de: War Ihnen bewusst, dass Sie sich in Lebensgefahr befunden haben?

Reiche: Nicht wirklich, obwohl die Ärzte mir das so mitgeteilt haben. Ich habe mich den Umständen entsprechend gut gefühlt. Ich war immer bei Bewusstsein und habe dort mit den Angestellten meine Späße gemacht. Ich hatte nie so auf dem Schirm, dass ich um mein Leben fürchten muss.

DFB.de: Sehen Sie Parallelen zum Skiunfall von Michael Schumacher?

Reiche: Die Diagnose ist ähnlich. Aber bei ihm ist es natürlich deutlich schlimmer. Wenn ich die Informationen richtig interpretiere, die man aus den Medien erhält. Bei mir ist zum Glück ausgeblieben, dass ich operiert werden musste.

DFB.de: Hatten Sie also Glück im Unglück?

Reiche: Das kann man auf jeden Fall so sagen. Alle behandelnden Ärzte haben mir gesagt, dass das auch ganz anders hätte enden können. Dennoch war und ist es schon schlimm für mich. Ich bin jedoch ein positiver Typ. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Ich kann es ja sowieso nicht mehr ändern. Vor allem wollte ich nicht, dass sich meine Familie und Freunde zu große Sorgen machen. Deshalb ging mein Blick schon sehr schnell wieder nach vorne. Ich möchte jetzt die Grundlage dafür legen, dass ich möglichst bald wieder auf den Platz zurückkehren kann.

DFB.de: Dort auf dem Platz: Was ist in der zweiten Saisonhälfte möglich für Viktoria Köln?

Reiche: Wir sind nicht mehr die Gejagten, wir sind jetzt die Jäger. Wir gehen dennoch frohen Mutes an die anstehenden Aufgaben heran.

DFB.de: Schauen Sie auch noch Richtung Aufstieg?

Reiche: Warum nicht? Wir müssen jetzt einfach versuchen, eine richtig gute Rückrunde zu spielen. Und wenn wir das tun, muss Tabellenführer Fortuna Köln ebenfalls eine richtig gute Rückrunde spielen. Im Fußball gibt es so viele Unwägbarkeiten. Das habe ich ja selbst bereits erlebt.

DFB.de: Zum Beispiel 2009. Sie sind damals völlig überraschend mit dem VfL Wolfsburg Deutscher Meister geworden. Wie war das, als Sie auf einmal die Schale in der Hand halten durften?

Reiche: Für mich als junger Spieler war das natürlich ein außergewöhnlicher Moment. Es war ein tolles Gefühl. Aber ich weiß das realistisch einzuschätzen. Andere hatten einen deutlich größeren Anteil an diesem Erfolg. Ich habe in jener Saison ja gerade mal 20 Minuten gespielt.

DFB.de: Im Auswärtsspiel bei Hertha BSC.

Reiche: Wir hatten am Tag zuvor mit der U 23 eine Begegnung in der Regionalliga beim FC Sachsen Leipzig. Und dann habe ich die Information bekommen, dass im Profikader noch ein Platz frei sei und ich bitte nach Berlin kommen solle. In der Schlussphase hat mich dann Felix Magath ziemlich unerwartet für Christian Gentner eingewechselt.

DFB.de: Wie ging es Ihnen in diesem Moment?

Reiche: Ich war schon etwas aufgeregt, als ich auf das Feld gelaufen bin. Vor so einer riesigen Kulisse hatte ich noch nie gespielt. Fast 40.000 Zuschauer waren da. Ich habe mich dann einfach auf mein Spiel konzentriert. Und das hat ganz gut funktioniert. Wir haben dort 2:2 gespielt.

DFB.de: So etwas vergisst man sicher nicht mehr.

Reiche: Natürlich nicht. Es war ein großartiges Erlebnis. Das hat sich in meinem Gedächtnis eingemeißelt. Ich bin stolz darauf, das kann mir keiner mehr nehmen.

 

Quelle: DFB/sw

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