Westdeutscher Fussballverband e.V.
Fußball-Allgemein 12.07.2016

"Vorbereitung zur Systemumstellung nutzen"

Interview mit Juniorentrainer Henning Timpe

Systemumstellung geplant? Dann gibt es keinen besseren Zeitpunkt als die Vorbereitung. (Foto: philippka)
Systemumstellung geplant? Dann gibt es keinen besseren Zeitpunkt als die Vorbereitung. (Foto: philippka)

Henning Timpe ist Trainer der B-Junioren von Preußen Münster. Im Interview mit dem Serviceportal FUSSBALL.DE spricht der Inhaber der A-Lizenz über die Wichtigkeit der Vorbereitung, Motivationshilfen vor Ausdauereinheiten und die Möglichkeit, die Saisonvorbereitung für eine Systemumstellung zur Viererkette zu nutzen.

FUSSBALL.DE: Herr Timpe, wie lange sollte eine Saisonvorbereitung im Amateurbereich dauern?

Henning Timpe: Fünf bis sechs Wochen sollte diese Phase schon dauern. Dann ist der Zeitraum bis zum Saisonstart überschaubar und ich kann als Trainer die Motivation hochhalten. Das gilt übrigens für die B- und A-Jugendlichen genauso. Falls ich als Trainer etwas an der taktischen Ausrichtung ändern will, benötige ich diesen Zeitraum ebenfalls, vor allem, weil im Amateurbereich auch nicht immer alle Spieler bei jeder Trainingseinheit da sind. Als Alternative bietet sich an, die Vorbereitung eine Woche früher zu beginnen, um zwischendurch eine Woche Pause einzulegen.

Und wie viele Einheiten sollten pro Woche angesetzt werden?

Mindestens drei Einheiten und ein Spiel pro Woche. Dadurch wird die Motivation gesteigert und erlernte taktische Details können umgesetzt werden.

Wie ist die Gewichtung der verschiedenen konditionellen Fähigkeiten Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Koordination zu steuern?

Ich würde den Grundlagenausdauerbereich direkt an den Anfang setzen und dabei Kraft- und Koordinationsübungen mit einfließen lassen. Nach und nach sollte dann Intervalltraining und die Sprintausdauer dazu kommen.

Yann-Benjamin Kugel (Fitnesstrainer Nationalmannschaft, Anm. d. Red.) schlägt auch im Amateurbereich vor, Krafttrainings-Einheiten kontinuierlich über die gesamte Saison einzustreuen. Sehen Sie das auch so?

Auf jeden Fall. Wer als Trainer noch nicht damit begonnen hat, dem bietet die Saisonvorbereitung eine gute Möglichkeit dazu. Die Spieler sind während der Saison dann einfach fitter und an die Belastung gewöhnt.

Also viel Ausdauer, Kraft und Schnelligkeit in der Vorbereitung. Das hört sich extrem anstrengend an. Wie kann ich da die Motivation meiner Spieler, weiterhin ins Training zu kommen, fördern?

Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, meinen Spielern am Ende einer Saison bereits Pläne für die Zeit vor der Vorbereitung mitzugeben. Dann bringen sie bereits eine gewisse Fitness zu Beginn der Vorbereitung mit und man kann mehr Aufmerksamkeit auf technisch-taktische Inhalte legen. Außerdem kann man natürlich auch beim Konditionstraining für Abwechslung sorgen.

Welche Beispiele fallen Ihnen konkret ein?

Vor allem große Spielformen, denn die Motivation ist immer höher, wenn der Ball dabei ist. Wenn man zum Beispiel die Viererkette einführt, bietet es sich an, elf gegen vier spielen zu lassen. Da muss man ganz schön laufen. Außerdem werden schon die ersten Strukturen verinnerlicht. Für die Motivation habe ich aber noch einen weiteren Tipp.

Welchen denn?

Man sollte sich als Mannschaft ein Saisonziel stecken. Das ist zwar langfristig, aber es kann über die ganze Saison als Motivation dienen, denn man kann immer wieder Bezug darauf nehmen. Ganz wichtig: Die Zielsetzung muss mit allen Spielern zusammen geschehen.

Kann es auch Ziel sein, ein neues System einzuführen oder es zu perfektionieren?

Natürlich. Die Einführung der Viererkette ist für jeden Amateurverein ein ambitioniertes aber auch motivierendes Ziel.

Die angesprochenen sechs Wochen sind dann aber das Minimum, oder?

Ja, die Sommervorbereitung ist dafür perfekt geeignet. Ich habe eine lange Zeit ohne direkten Ergebnisdruck. Und vor allem auch Zeit, mit ersten Misserfolgen umzugehen. Eine Umstellung auf die Viererkette geht nicht von heute auf morgen. Da ist es ganz wichtig, konsequent und geduldig zu bleiben und die Mechanismen immer wieder einzuüben. Es kann sogar sein, dass sich das erst während der Saison auszahlt.

Oft hört man das Argument, dass nicht das nötige Spielermaterial vorhanden ist, um die Umstellung von Libero auf Viererkette durchzuführen.

Das glaube ich nicht. Auch ältere Spieler können die Viererkette noch erlernen. Es ist ganz wichtig, dass man sowohl in der Mannschaft als auch im gesamten Verein oder im Vorstand Rückendeckung für solch eine Umstellung hat, denn, wie ich gesagt habe, kann es erst einmal zu Rückschlägen kommen. Wenn ich aber ein modern funktionierendes, defensives Grundgerüst aufgebaut habe, profitiert die ganze Mannschaft davon.

Das heißt von der Umstellung auf die Viererkette ist nicht nur der Defensivverbund betroffen?

Nein, wenn ich auf die Viererkette umstelle, dann hat das Auswirkungen auf die gesamte Mannschaft. Modernes Verteidigen heißt mit elf Mann gegen den Ball zu arbeiten. Das kann richtig viel Spaß machen und einen neuen Teamgeist wecken. Wenn das mal verinnerlicht ist, ist die Grundlage gelegt und man kann im gruppentaktischen Bereich weiterarbeiten. Wer sichert welchen Raum ab, wie verschieben wir, wann setze ich mich ab, wann und wo erobere ich den Ball? Aber das ist alles ein Prozess, der länger dauert. Deshalb hab ich auch noch einen Tipp parat.

Verraten Sie ihn uns!

Wenn man ein neues System einführt, sollte man unter den Spielern eine Art „Geheimsprache“ oder Codewörter einführen, beispielsweise absichern, abklemmen, absetzen, verschieben oder pressen: Jedem muss klar sein, was mit diesen Begriffen gemeint ist und wie darauf reagiert wird. Dann muss ich als Trainer später nur noch die Schlüsselbegriffe rufen und meine Mannschaft weiß zum Beispiel in der Rückwärtsbewegung direkt, was sie machen muss.

Haben Sie noch weitere Tipps?

Ja, allerdings ist es nun leider schon zu spät dafür. Aber wenn ich bereits am Ende der Saison merke, dass ich in der kommenden Spielzeit etwas ändern will, sollte ich direkt damit anfangen.

Was meinen Sie genau?

Wenn ich am Saisonende merke, dass nach oben oder unten in der Tabelle nichts mehr geht, kann ich bereits in den letzten Wochen der Spielzeit mit einer Systemumstellung anfangen. Das kann die Spieler noch einmal motivieren und wäre schon eine gute Vorbereitung auf taktische Änderungen in der kommenden Saison.

Eine weitere Möglichkeit, taktische Änderungen intensiv zu trainieren, bieten Trainingslager, oder?

Natürlich, wenn es möglich ist, würde ich immer ins Trainingslager fahren. Zum einen kann das Trainingslager genutzt werden, um die Mannschaft und das Kollektiv zu stärken. Dann sollte es bereits zu Beginn der Vorbereitung stattfinden. Die andere Möglichkeit ist, ganz am Ende der Vorbereitung das Trainingslager zu machen. Dann kann ich als Trainer den letzten Feinschliff vornehmen. Im Amateurbereich ist das natürlich auch abhängig von der Verfügbarkeit der Spieler und von der Zusammensetzung: Kennen sich die meisten schon länger, oder ist das eine neu zusammengestellte Mannschaft? Wenn sie komplett neu zusammen gewürfelt ist, würde ich am Anfang ins Trainingslager fahren, damit sie sich besser kennenlernt.

Worauf sollte bei den Trainingsinhalten im Trainingslager geachtet werden?

Zu Beginn würde ich im mannschaftstaktischen Bereich arbeiten, also ein taktisches Grundgerüst trainieren. Am Ende sollten dann die jeweiligen Spieler nach Positionen eingeteilt und individuell trainiert werden. Zum Beispiel trainiert die Viererkette allein oder mit den defensiven Mittelfeldspielern, und die Offensivreihe macht eigene Übungen. Am Ende der Vorbereitung füge ich sie dann wieder zusammen.

Und zwischenzeitlich sollten ein paar Teambuilding-Maßnahmen eingestreut werden.

Na klar, vor allem im Amateurbereich ist ein guter Teamgeist nicht zu verachten. Klassiker sind sogenannte erlebnispädagogische Events, wie zum Beispiel ein Hochseilgarten oder Vertrauensspiele, in dem sich meine Mitspieler auf mich verlassen müssen. Das kann sich noch während der Saison auszahlen und macht jede Menge Spaß.

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