Westdeutscher Fussballverband e.V.
Fußball-Allgemein 23.03.2015

Ganz schön kompliziert:
So klappt das mit den Elfmetern

Experten-Tipps vom Forscher

Der Ball braucht etwa 0,4 Sekunden vom Punkt zur Torlinie. (Foto: Mrugalla)

Vor dem Schützen liegt der Ball, der Torwart steht auf der Linie. Die überschaubarste taktische Aufstellung, die geradlinigste Aufgabe. Der Strafstoß bringt den Fußball auf den Punkt. Und natürlich – wie im richtigen Leben – ist alles, was vermeintlich so simpel ausschaut, in Wirklichkeit ganz schön kompliziert. Ob im Kreispokal oder in der Champions League.

Dr. Georg Froese hat die Elfmeterschützen auf die Couch gelegt. Der Berliner Sportpsychologe hat im Feldversuch erforscht, welche Persönlichkeitsmerkmale zu welcher Schussstrategie passen und dafür vor zwei Jahren den Wissenschaftspreis des DFB gewonnen. Froeses Befund: Sowohl der zögernde Lavierer als auch der knallharte Draufgänger können brillante Schützen sein. Nur eben anders. Froese, früher für Union Berlin und zuletzt in der Bezirksliga als Spielertrainer am Ball, sagt außerdem: Es könnte mehr gemacht werden. Jedes fünfte Entscheidungsspiel bei großen Turnieren zum Beispiel wird per Elfmeter entschieden. Im Interview plaudert der Elfmeterforscher aus dem Nähkästchen und gibt interessante Einblicke.

Frage: Herr Dr. Froese, Sie haben untersucht, welche Persönlichkeitsmerkmale am besten zu bestimmten Schussstrategien beim Elfmeter passen. Reden wir erstmal über die Strategien – wie sehen die aus?

Dr. Georg Froese: Im Grunde genommen lässt es sich auf zwei Strategien runterbrechen. Die einen haben einen genauen Plan und schießen torwartunabhängig. Die anderen wollen ihren Vorteil als Schützen nutzen. Denn der Ball braucht etwa 0,4 Sekunden vom Punkt zur Torlinie, da muss der Torwart vor dem Schuss bereits die Bewegung einleiten. Die zweite Strategie ist es also, sehr spät zu reagieren und torwartabhängig in die offene Ecke zu schießen.

Wie schießt die Mehrheit?

Froese: Torhüterunabhängig – ganz entlang der Denke: "Da weiß ich zumindest genau, was ich mache." Gerade wenn der Druck steigt, wird platziert und unabhängig von irgendwelchen "Cues" geschossen. Mit "Cues" meinen wir erste Signale für die Sprungseite des Torwarts, etwa das Anwinkeln des Sprungbeins. Das Verhältnis liegt schätzungsweise bei 80 zu 20 Prozent.

Und je wichtiger der Strafstoß ist...

Froese : ...desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler unabhängig vom Torhüter schießt. Bei WM-Spielen werden Strafstöße deutlich härter, aber auch unplatzierter geschossen als sonst. Wenn's drauf ankommt, neigen die Schützen zur Haltung Augen zu und durch. Die denken dann "Ich knall ihn irgendwie rein" und wenden nicht ihre erlernte Strategie an. Ein Fehler, denn die Trefferchance wäre größer.

Es gibt sie also doch, die Angst des Schützen beim Elfmeter?

Froese: Aber sicher. In angstvollen Situationen erkennen wir zwei Reaktionsmuster: Kampf oder Flucht. Kampf wäre in dem Fall das Draufballern, Flucht ein mutloser Sicherheitsschuss. Es ist doch so: Die torwartabhängige Variante sieht im Falle des Scheiterns viel schlimmer aus. Diese Überlegungen beziehen Spieler durchaus mit ein. Im Zweifel nutzt ein Spieler, der den Torwart eigentlich sehr gut ausgucken kann, unter Druck doch die andere Strategie.

Welche Persönlichkeit sollte jemand mitbringen, der torwartabhängig schießt?

Froese: Er sollte auf jeden Fall auch unter extremer Anspannung noch die Ruhe haben, um den Torwart auszugucken. Er muss über die kognitive Fertigkeit verfügen, lange mit seiner Entscheidung abzuwarten. Das können nicht so viele. Dieses Umswitchen im letzten Moment sollte der Spieler über Jahre trainieren. Nach meinen Erkenntnissen sind für die torwartabhängige Strategie diejenigen prädestiniert, die auch sonst lange die Lage im Blick haben, die möglichst viele Faktoren in ihre Entscheidungen einfließen lassen können.

Im Ernst? Jemand, der sonst im Leben lange laviert, differenziert und abwartet, ist ein guter Elferschütze?

Froese: Aber nur, wenn er oder sie auch gut mit Druck umgehen kann. Es ist wie beim Arbeitsspeicher eines Computers. Ist der voll, läuft der Computer langsam. Wenn der Druck mir schon zuviel Ressource raubt, habe ich nicht mehr genug Arbeitsspeicher. Der fehlt mir dann, um blitzschnell die Information, in welche Richtung der Torwart springen wird, zu erfassen und meine Handlung anzupassen. Ich brauche also Personen, die sich unter hohem Druck auf die Aufgabe der Lageerfassung fokussieren können.

Welcher Typ sollte torwartunabhängig schießen?

Froese: In erster Linie jemand, der über eine herausragende Schusstechnik verfügt. Das Psychologische spielt hier weniger eine Rolle, der Schütze muss einfach unter Druck an seinem Plan festhalten können. In meiner Arbeit unterteile ich in prevention-fokussiert und promotion-fokussiert. Die Promotions-Fokussierten sind Idealeanstreber, sie setzen sich für ihre Ideale mit großem Eifer ein, die Vermeidung von Fehlern hat für sie nicht die höchste Priorität. Ihnen empfehle ich, torwartunabhängig zu schießen. Die Prevention-Fokussierten wollen in erster Linie Fehler vermeiden und sind damit eher torwartabhängige Elferschützen.

Ist die Schützenauswahl noch ein Defizit?

Froese: Die Auswahl der Schützen und der richtigen Strategie werden vernachlässigt. Mystische Vorstellungen geistern durch den Fußball, etwa dass der schießt, der sich am besten fühlt oder dass der Gefoulte nicht antreten sollte. Diese Mythen sind empirisch entweder nicht bestätigt oder bereits widerlegt. Am Ende schießt dann oft der ranghöchgste oder fußballerisch beste Spieler, auch wenn andere Spieler besser geeignet wären.

Teil Ihrer Studie war ein Interview mit dem ehemaligen Bundesliga-Torwart Jörg Butt. Was war besonders bemerkenswert bei seinen Aussagen über den Elfmeterschuss?

Froese : Wenn Jörg Butt selbst Elfmeter geschossen hat, half ihm der weite Weg vom eigenen Tor zum gegnerischen Strafraum, weil er in dieser relativ langen Phase alle Störfaktoren ausblenden konnte. Paul Breitner und Andreas Brehme, die in den WM-Finals 1974 und 1990 getroffen haben, sind überzeugt, man könnte den Elfmeter nicht üben. Jörg Butt sagt das Gegenteil, er hat seine Strategie und seine Technik über Jahre perfektioniert. Christiano Ronaldo und Lothar Matthäus sind Paradebeispiele für den torwartunabhängigen Elferschuss, Jörg Butt war ein herausragender Ausgucker.

Sie sagen, Stürmer treffen prozentual häufiger als Verteidiger.

Froese: Es gibt diesen leichten statistischen Vorteil der Stürmer. Dieser Vorteil ist aber keineswegs so groß, dass ich Verteidiger generell vom Schießen wichtiger Elfmeter ausschließen würde. Im Gegenteil, Verteidiger sind bei großen Turnieren oft weniger im Fokus als Offensivspieler. Sie haben weniger zu verlieren. Bei Lothar Matthäus stand 1990 eine überragende WM zu Buche. Mit einem Fehlschuss hätte dieses Bild einen heftigen Kratzer erhalten. Es war aus meiner Sicht eine weise Entscheidung, Andreas Brehme den Vortritt zu lassen.

Waren Sie ein guter Elfmeterschütze?

Froese: Wenn ich mich entlang meiner theoretischen Erkenntnisse beurteile, bin ich aufgrund meiner Persönlichkeit eher weniger gut geeignet, zum Elfmeter anzutreten. Dennoch habe ich im Laufe meiner Karriere einige Elfmeter geschossen und bin mit ein paar Tricks auf eine passable Trefferquote gekommen.

Ganz praktisch: Was empfehlen Sie dem Trainer einer Kreisligamannschaft?

Froese: Suche einen Spieler mit guter Schusstechnik aus, der wenig Angst vor den Konsequenzen hat. Lass' ihn eine Strategie trainieren. Letztlich sollte dem Schützen auch immer vermittelt werden, dass auch ein perfekter Strafstoß pariert werden kann. Das ist für ihn eine befreiende Erkenntnis und hilft darüber hinaus, seine Selbstsicherheit zu stärken.

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