Westdeutscher Fussballverband e.V.
Freizeit- und Breitensport 17.01.2013

Volles Engagement:
Die Meister aus Sprockhövel

Oberliga mit TSG: Raoul (l.) und Alexander Meister (2.v.r.) sind für Sprockhövel am Ball.

Der kleine Fußball ist in Deutschland riesengroß. In fast 26.000 Vereinen wird unter dem Dach des DFB Fußball gespielt. Das Rampenlicht gehört normalerweise den Stars aus der Bundesliga und der Nationalmannschaft. Die heimlichen Helden aber spielen und engagieren sich woanders, in der Verbands-, Bezirks- oder Kreisliga, auf kleinen Sportplätzen - wie zum Beispiel die Familie Meister bei der TSG Sprockhövel.

Meister - es gibt schlechtere Namen für Fußballer und Vereinsfunktionäre. Ob alleine der Name der Familie aus Sprockhövel für den Aufschwung des örtlichen Fußballklubs verantwortlich ist, darf bezweifelt werden. Sicher ist allerdings, dass die Meisters bei der TSG eine Hauptrolle spielen - sowohl auf dem Platz als auch abseits davon. Nicht weniger als fünf Meisters sind bei der TSG tätig. Die Brüder Raoul und Alexander Meister gehören zum Stamm der ersten Mannschaft, die in der Oberliga um Punkte kämpft. Vater Jürgen ist Kassierer, Onkel Ulrich ist Abteilungsleiter und Cousin André Geschäftsführer des Klubs.

"Die Musik machen wir bei der TSG alle zusammen"

"Mein Vater und mein Onkel sind seit 25 Jahren als Abteilungsleiter und Kassierer dabei", erzählt André Meister. "Ich selbst arbeite seit 17 Jahren in der Abteilung, Geschäftsführer bin ich seit zehn Jahren." Besonderen Wert legt der 36-Jährige darauf, dass trotz der vielen Meisters das Ganze keine One-Family-Show ist.

"Wir sind stolz darauf, dass wir im Verein alles noch ehrenamtlich gestemmt bekommen", betont der Geschäftsführer. "Wobei nicht nur unsere Familie eine große Rolle spielt, sondern auch die Helferinnen und Helfer, die sich sonntags bei Heimspielen um den Ablauf kümmern und die Fans bewirten. Daran sind viele beteiligt. Die Musik machen wir bei der TSG alle zusammen."

Aus der A-Junioren-Bundesliga zurück nach Sprockhövel

Auf dem Platz vertreten Raoul und Alexander die Familie. Wie ihre Pendants am Spielfeldrand sind die Brüder in Hauptrollen geschlüpft. "Raoul als Kapitän und Abwehrchef spielt eine sehr große Rolle, Alexander ist auf der Sechserposition aktiv und gehört ebenso zu den Stützen des Teams", sagt André Meister über seine Cousins. Raoul hatte in der A-Junioren-Bundesliga das Trikot des VfL Bochum getragen, fand dann aber den Weg zurück nach Sprockhövel. Dennoch gibt es immer wieder Anfragen anderer Vereine.

Gemeinsam mit ihrem Team schafften Raoul und Alexander im Sommer den Aufstieg in die Oberliga Westfalen. Dort geht es um den Klassenverbleib, auch mittel- bis langfristig wolle die TSG in dieser Liga spielen, sagt André Meister und ergänzt: "Man darf nicht vergessen, dass Sprockhövel mehr oder weniger ein Dorfverein ist, bei dem viele Dinge verbesserungswürdig sind. Neben dem Platz wäre das etwa der finanzielle Bereich. Aber ich denke, wir sind auf einem ganz guten Weg." Die Mannschaft belegt zur Winterpause mit 21 Punkten Platz acht.

Für die Meisters ist weiter einiges zu tun. "Es gibt eine Menge Herausforderungen", so André Meister. "Wir haben viele Projekte angefangen. So muss zum Beispiel demnächst der Kunstrasen erneuert werden. Dazu soll das Mini-Spielfeld ausgebaut werden. Da kann man von Amtsmüdigkeit bestimmt nicht reden."

Nationalspieler Götze ist Fan, Ex-Profi Huber Trainer

Nicht nur die Meister-Familie ist außergewöhnlich bei der TSG. Der Oberligist hat einen deutschen Nationalspieler als Fan. Mario Götze spielte früher in der BVB-Jugend gemeinsam mit dem heutigen TSG-Akteur Marcel Stenzel. Ab und an findet Götze die Zeit, seinem alten Kumpel zuzuschauen. Zuletzt war er beim 3:0 gegen Ennepetal vor Ort und dürfte zufrieden gewesen sein: Stenzel markierte den Führungstreffer und bereitete das 2:0 vor.

Auch an der Seitenlinie steht in Sprockhövel ein bekanntes Gesicht. Trainiert wird der Oberligist von Lothar Huber. Der Ex-Profi von Borussia Dortmund ist im fünften Jahr in Sprockhövel tätig. Die Arbeit mit den jungen Leuten macht dem 60-Jährigen einen "Riesenspaß".

Neben den fünf Meister-Männern gibt es im Verein übrigens auch eine Dame aus der Familie. Andrés Gattin ist für die Frauenmannschaft am Ball. Bei der TSG Sprockhövel. Wo sonst. Quelle: DFB

Flankengott mit Spaten

Bundesliga-Legende Lothar Huber

Bei der Arbeit: Lothar Huber (Foto: WFLV/Leroi)

Früher hat sich Lothar Huber als Dortmunder Flankengott einen Namen gemacht und präzise Bälle auf Manni Burgmüller oder Erwin Kostedde geschlagen. Heute beackert er immer noch den Platz. Allerdings nicht mehr als Spieler, sondern als Platzwart. BVB-Legende Lothar Huber hält das Trainingsgelände von Borussia Dortmunds Fußballschule in Schuss. Woche für Woche, acht Stunden pro Tag. Am Abend tritt er dann seinen Zweitjob an, seine wahre Berufung. Huber coacht den Oberligisten TSG Sprockhövel. Viermal wird trainiert, dazu das Spiel am Wochenende. Er lebt Fußball und ist noch immer voller Ehrgeiz: "Ich freue mich, mit den jungen Leuten zu arbeiten. Das macht einen Riesenspaß."

Huber ist extrem erfolgreich, hat eine beeindruckende Bilanz vorzuweisen: Im Schnitt steigt der Trainer alle drei Jahre mit seinen Mannschaften auf. Mittlerweile befindet sich Huber in seiner fünften Saison bei der TSG Sprockhövel. Ambitionen, einen Profiklub zu trainieren, hat er nicht mehr. "Aus dem Alter bin ich raus", sagt er. "Mit 60 sollte man wissen, dass es nicht mehr nach ganz oben geht."

 

Co-Trainer von Littbarski in Japan

 

Die große Fußballwelt hat Huber schon gesehen. Von 1986 bis 1992 war er Co-Trainer beim BVB. Vier Jahre später betreute er gemeinsam mit Pierre Littbarski für eine Saison den japanischen Erstligisten Brummell Sendai. "Es war ein überragendes Jahr", schwärmt Huber. "Japan kannte ich zuvor nur vom Fernsehen. Plötzlich hatte ich die Chance, als Co-Trainer mit 'Litti' im fernen Osten zusammenzuarbeiten. Ein Riesenerlebnis."

Auch als Spieler blickt Huber, der bis 1974 beim 1. FC Kaiserslautern spielte (63 Bundesliga-Einsätze) und dann als rechter Außenläufer 254 Mal für Borussia Dortmund auflief, auf eindrucksvolle Erlebnisse zurück. Über 300 Bundesligapartien bestritt der gebürtige Pfälzer für den 1. FC. Vor allem mit den Schwarz-Gelben erlebte er kuriose Partien. "Es gibt viele Spiele, die in Erinnerung bleiben, der Bundesliga-Aufstieg mit Dortmund in der Saison 1975/1976 beispielsweise", erinnert er sich. Er erzielte damals im Relegationsrückspiel gegen den 1. FC Nürnberg das entscheidende 3:2. Seither spielt der BVB in der Bundesliga.

 7:4 und 0:12 - legendäre Bundesligaspiele mit Huber

Mit Kaiserslautern setzte sich Huber einmal 7:4 gegen den FC Bayern München durch - nach einem 1:4-Rückstand. "Dabei hatten die Münchner mit Beckenbauer, Maier und 'Bulle' Roth eine Topmannschaft", so Huber. "Der Sieg wurde anschließend gefeiert wie die Deutsche Meisterschaft." Am letzten Spieltag der Saison 1977/1978 hatte das BVB-Urgestein weniger Grund zum Feiern: Die 0:12-Pleite mit dem BVB gegen Borussia Mönchengladbach ist bis heute Bundesligarekord.

50 Jahre Bundesliga: Das Interview mit MSV-Legende Bernard Dietz lesen Sie hier

Den Kontakt zum BVB ließ er nach seiner aktiven Zeit nie abreißen. „Ich war fast täglich beim Training der Profis. Teils aus Hobby, außerdem konnte ich mir Dinge für die eigene Mannschaft herausfiltern“, erzählt er. Jetzt habe er endlich so was wie einen Traumjob. „Ich bin täglich an der frischen Luft und hautnah in das Geschehen meines Lieblingsvereins involviert“, freut sich Huber. Außerdem könne er den Beruf des Greenkeepers, so die offizielle Stellenbezeichnung, bis zur Rente ausüben. „Als Trainer könnte ich das bestimmt nicht schaffen“, glaubt er. Seit über zehn Jahren bringt der ehemalige Flankengott den Rasen in Schuss. Von Routinier Willi Droste hatte er sich schnell die wichtigsten Kniffe im Umgang mit Spaten, Gabel und Walze abgeschaut.

Seine Erfahrung als Fußballer gibt er mittlerweile im Amateurbereich weiter. Und die Arbeit trägt Früchte. Sprockhövel ist - auch dank Lothar Huber - eine echte Talentschmiede. Ob Gaetano Manno (VfL Osnabrück), Lukas Schmitz (Werder Bremen) oder Adrian Wasilewski (VfL Bochum II): Einige Spieler, die oben angekommen sind, stoppten ihre ersten Bälle bei der TSG. "Es hat in Sprockhövel Tradition, Spieler für höhere Aufgaben auszubilden", sagt Huber. "Ich freue mich über jeden, der den Sprung schafft."

 "Wer die Härte nicht hat, wird es nicht schaffen"

Von seinen Schützlingen fordert Huber vor allem eines: Disziplin. Nur mit höchstem Einsatzwillen sei der Weg nach oben zu bewältigen: "Man kann nicht nur mit Zuckerbrot arbeiten. Die Jungs müssen wissen: Wenn man nach oben will, ist es ein harter, brutaler Weg. Wer die Härte nicht hat, wird es nicht schaffen."

In seiner Funktion als Platzwart holt sich Huber auch den einen oder anderen Tipp von den BVB-Profis. "Roman Weidenfeller, Sebastian Kehl - gerade mit den älteren Spielern unterhält man sich", erzählt die BVB-Legende. Und auch Ratschläge vom Meistertrainer können nicht schaden: "Auch mit Jürgen Klopp tausche ich mich manchmal aus."

Spielberechtigungen Regionalliga West