Westdeutscher Fussballverband e.V.
Allgemein 13.07.2018

Frauenpower ist eine große Chance

DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg erklärt im Interview, warum Veranstaltungen wie der WDFV-Kongress den Nerv von Frauen treffen.

Hannelore Ratzeburg freute sich über die gute Resonanz beim WDFV-Kongress: „Es haben über 80 Frauen teilgenommen, die bereit sind, Führungsaufgaben zu übernehmen. Das ist eine große Chance.“
Hannelore Ratzeburg freute sich über die gute Resonanz beim WDFV-Kongress: „Es haben über 80 Frauen teilgenommen, die bereit sind, Führungsaufgaben zu übernehmen. Das ist eine große Chance.“

Hannelore Ratzeburg kennt sich aus und hat schon einige Steine ins Rollen gebracht. In den 1970ern konnte sie den damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger davon überzeugen, dass es sinnvoll sei, eine Frauen-Nationalmannschaft aufzubauen. „Erst durch permanentes Nachhaken wurden Frauenthemen präsenter“, sagt Hannelore Ratzeburg, die unter anderem in über 40 Jahren ehrenamtlicher Arbeit im Hamburger Fußball-Verband stets eingemischt hat.

Seit 2007 ist sie beim DFB Vizepräsidentin Frauen- und Mädchenfußball und brachte mit ihren Mitstreiterinnen das Leadership-Programm auf den Weg. Die Redaktion der WDFV | Schau, dem Journal des Westdeutschen Fußballverbandes (WDFV) unterhielt sich am Rande des 1. WDFV-Frauen-Kongresses "Frauenpower - ein Gewinn für Verband und Vereine" mit Hannelore Ratzeburg über die Möglichkeiten und Chancen, wenn Frauen vermehrt Verantwortung in Führungspositionen im Verein und Verband übernehmen.

Frage: Frau Ratzeburg, Sport wird von Frauen ebenso engagiert wie von Männern betrieben. Mal ganz banal gefragt: Wie wichtig ist es Ihnen, Frauen im Sport eine Stimme zu geben?

Hannelore Ratzeburg: Ich halte es für normal, dass Frauen mitreden. Wir haben annähernd 40 Prozent Frauen, die Sport treiben. Dass Frauen eine Stimme haben, ist wichtig, weil die Organisationen von Männern und Frauen profitieren. Wenn wir Erfahrungen, Vorstellungen und Entwicklungspotenzial von Männern und Frauen zusammenbringen, dann ist das optimal. Wenn wir dann noch die Gremien durchmischen mit jüngeren weiblichen und männlichen Menschen und älteren Menschen, wäre das die optimale Ergänzung.

Frage: Beim 1. WDFV-Frauen-Kongress „Frauenpower – ein Gewinn für Verband und Verein“ wurde untermauert, dass immer mehr Frauen bereit sind, in Ehrenämtern Führungsaufgaben zu übernehmen.

Hannelore Ratzeburg: Alle können sich gegenseitig helfen. Tatsächlich hat der WDFV-Kongress unter anderem bewiesen, dass die Frauen ja da sind. Wir brauchen nur attraktive Modelle, an denen sich Frauen orientieren können. Die Orientierung an den Männern ist ein bisschen schwierig, weil Männer halt Männer sind. Am WDFV-Kongress haben trotz des guten Wetters über 80 Frauen teilgenommen, die bereit sind, Führungsaufgaben zu übernehmen. Das ist eine große Chance. Wenn ich etwas möchte, mache ich das auch, egal, ob ich Mann oder Frau bin. Jammern bringt uns nicht weiter. Und Vereine, die Menschen für das Ehrenamt benötigen, müssen erkennen, wen sie für welche konkreten Aufgaben brauchen. Dazu ist es aber erforderlich, dass genaue Aufgabenbeschreibungen mit Entscheidungsbefugnissen, Zeitaufwand etc. vorliegen. Daran krankt es oft.

Hannelore Ratzeburg

Hannelore Ratzeburg ist DFB-Vizepräsidentin Frauen- und Mädchenfußball.

Sie gehört dem DFB-Präsidium seit dem 26. Oktober 2007 an.

Von 1977 – 2007 Mitglied im DFB-Spielausschuss.

Von 1989 - 2007 war sie Vorsitzende des Frauenfußball-Ausschusses.

Seit 1980 ist sie Mitglied der UEFA-Kommission für Frauenfußball, von 1990 - 2011 Mitglied der FIFA-Kommission für Frauenfußball

Zu ihren Aufgabenbereichen zählen:

  • Grundsatzfragen des Frauen- und Mädchenfußballs
  • Spielbetrieb (Bundesliga, 2. Bundesliga, DFB-Pokal, Länderpokal, B-Juniorinnen-Bundesliga, Deutsche Meisterschaft Ü35-Frauen, Futsal-Wettbewerbe Juniorinnen)
  • Entwicklungsprogramme Mädchenfußball
  • Talentförderung Juniorinnen
  • Frauen- und /Juniorinnen-Nationalmannschaften
  • Delegationsleitungen U15- bis Frauen-Nationalmannschaft
  • Vertretung in internationalen Gremien (speziell bei Fragen des Frauen- und Mädchenfußballs)

Frage: „Gender Mainstreaming im organisierten Sport hat“ - so heißt es zum Bespiel beim Landessportbund – „einen hohen Stellenwert und zugleich großes Potenzial“. Wie weit ist der Fußball bei dem Bemühen, dieses Potenzial zu nutzen und die ehemals strikten Rollenbilder aufzulösen?

Hannelore Ratzeburg: Der Fußball ist sehr stark männerorientiert. Der Deutsche Fußball-Bund ist von Männern aufgebaut worden für Männer, die Fußball spielen wollen. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass der Männerfußball früher einen schweren Stand hatte. Fußball galt als unschicklich und war nicht gewünscht. Trotzdem haben sich die Fußball spielenden Männer durchgesetzt. Doch die Männer der späteren Generation haben versucht, den Frauen zu verwehren, Fußball zu spielen. Aber nun haben sich die Frauen durchgesetzt.

Frage: 2020 steigt ein Jubiläum: 50 Jahre Frauenfußball im DFB. Das ist doch eine recht gute Basis. Sehen Sie in diesem Bereich Wachstumschancen?

Hannelore Ratzeburg: Ich glaube, dass wir nicht mehr so viel mehr Frauen gewinnen werden, die Fußball spielen wollen, weil sich die Lebenssituationen verändert haben: Wir erleben eine Verdichtung im beruflichen Bereich, weniger Menschen müssen viel mehr leisten als früher. Die gesellschaftliche Situation hat sich in den letzten 20 Jahren auch für Frauen stark verändert. Fußball wurde früher eher als „Proletensport“ gesehen, Frauen sollten lieber Tennis spielen. Jetzt ist die Angebotspalette geöffnet, Mädchen und Frauen können Fußball spielen.

Wir müssen darauf achten, dass wir weder unter- noch überfordern, sondern mit unseren Spielangeboten die richtige Mitte finden. Im Sommer startet der DFB eine „Offensive für den Frauen- und Mädchenfußball“ um das Jubiläum zu nutzen, unseren Sport in den Fokus der Öffentlichkeit und der Vereine zu stellen. Wir erhoffen uns davon auch, dass wieder mehr Mädchen Fußball spielen wollen.

Frage: Welche weiteren Schritte sind notwendig?

Hannelore Ratzeburg: Veranstaltungen wie der WDFV-Kongress sind für diese Entwicklung wichtig. Ich würde mir zudem wünschen, dass auch mal gemeinsame Kongresse mit Männern und Frauen stattfinden, um unter Einbindung der Ergebnisse des Frauenkongresses und der Leadership-Programme zu sehen, wo die jeweiligen Erwartungshaltungen sind und welche Veränderungschancen bestehen. Da, wo heute noch überall Männer Positionen einnehmen, muss die Bereitschaft vorhanden sein, sie nach deren Ausscheiden oder Abwahl durch Frauen zu ersetzen. Es muss also ein Netzwerk von Frauen vorhanden sein, die Verantwortung übernehmen wollen. 50 Prozent der Bevölkerung sind Frauen. Der Sport kann dafür sorgen, dass in seinem Bereich die Chancen der Vielfalt für den Verband und für die Vereine genutzt werden. Das ist mir sehr wichtig.

Frage: Sie wurden 1995 als erste Frau in den DFB-Vorstand gewählt. Als einzige Frau im DFB-Präsidium haben Sie seit Jahren tiefe Einblicke in den (Männer-) Fußball. Auch im WDFV-Präsidium arbeitet nur eine Frau. Sind die Schultern der Männer in der „Männerdomäne Fußball“ zu breit, damit weitere Frauen an ihnen vorbeikommen?

Hannelore Ratzeburg: Das ist schwierig, wir müssen natürlich berücksichtigen, wie der DFB und die Landesverbände strukturiert sind. In den 21 Landesverbänden gibt es jeweils Gremien für die unterschiedlichen Aufgabenbereiche, die jeweiligen Vorsitzenden dieser Gremien bilden wiederum vergleichbare Gremien in den Regionalverbänden.

Auch diese Gremien in den Regionalverbänden haben wieder jeweils Vorsitzende, die dann Mitglied in den entsprechenden Gremien beim DFB sind – und das ist die Crux.

Also, erst wenn ich im Landesverband eine führende Position habe, wenn ich gut bin und die anderen mich akzeptieren, dann kann ich in die Vertretung der Landesverbände im Regionalverband gewählt werden. Danach erst kommt der DFB. Wenn das zu Ende gedacht wird, müsste eigentlich an die grundsätzliche Struktur des DFB und der Verbände gegangen werden um eine größere Durchlässigkeit zu erreichen.

Es gibt beim DFB aber zahlreiche Kommissionen und hier haben auch Frauen die Möglichkeit für die Mitarbeit vorgeschlagen und berufen zu werden.

Wir haben viele Frauen, die dazu bereit sind. Das haben der WDFV-Kongress und die bereits durchgeführten Leadership-Programme gezeigt. Kein Mann in Funktion kann mehr sagen, er finde keine Frau, die führende Ehrenämter übernehmen will.

BU: DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg (rechts) begeisterte mit einem Impulsvortrag und erhielt den Dank von Marianne Finke-Holtz (links) aus dem WDFV-Präsidium.
BU: DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg (rechts) begeisterte mit einem Impulsvortrag und erhielt den Dank von Marianne Finke-Holtz (links) aus dem WDFV-Präsidium.

Frage: Das DFB-Leadership-Programm gilt es erster großer Aufschlag zur Unterstützung von Frauen für ehrenamtliche Führungspositionen. Im vergangenen September gab es die Abschlussveranstaltung. Wie gestalten sich die ersten Erfolge?

Hannelore Ratzeburg: Die Frauen, die am DFB-Leadership-Programm teilgenommen haben, machen jetzt in den Landesverbänden weiter und unterstützen dort weitere Frauen. Wenn es dann in den Verbänden zu Wahlen kommt, stehen künftig viele Frauen bereit, die Führungspositionen übernehmen wollen und können. Es sind sogar schon Frauen aus dem Programm direkt in Gremien oder sogar Präsidien gewählt worden. Es ist mein Traum, eine gute Durchmischung in allen Gremien hinzubekommen. Es soll selbstverständlich sein, dass Frauen sich nicht nur um Frauen- und Mädchenfußball kümmern, sondern auch um andere Bereich wie z. B. IT, Finanzen, Recht, halt das, was sie vielleicht aus ihrem beruflichen Hintergrund einbringen können. Ziel muss es sein, dass wir Maßnahmen wie das Leadership-Programm oder einen WDFV-Frauenkongress nicht mehr brauchen, damit Frauen gestärkt werden. Aber heute treffen diese Maßnahmen den Nerv von Frauen.

Frage: Bei den Projekten, die Frauen für Führungsposition im Ehrenamt stärken sollen, fällt immer wieder das Stichwort Vernetzung. Das hört man bei Männern selten bis nie. Warum ist Netzwerken so wichtig?

Hannelore Ratzeburg: Die Männer sind ja auch gut vernetzt. Das Netzwerken unter Frauen ist wichtig, weil Frauen oft vereinzelt auftreten müssen. Es gibt immer wieder Situationen, da ist es gut sich mit anderen Frauen austauschen und beraten zu können. Gerade in meiner Anfangszeit hätte ich mir öfter mal den Austausch mit Frauen in vergleichbaren Positionen gewünscht. WDFV- Frauenpower und die Leadership-Programme sind eine große Chance. Frauenpower ist nicht nur für Verband und Verein ein Gewinn, sondern auch eine Bereicherung, und außerdem ein Gewinn für die Frauen.

Fragen und Fotos: WDFV

 

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