Westdeutscher Fussballverband e.V.
Freizeit- und Breitensport 02.11.2018
Beim WDFV-Kongress in Münster begeisterte Profispieler Tim Latka mit einer Praxisdemonstration.

„eSoccer bietet Potenzial für Fußballvereine“

Hermann Korfmacher und Dr. Niels Lange im Gespräch

Die Popularität der Videospielbranche steigt rasant an und auch die Sparte eSoccer findet eine immer größer werdende Begeisterung. Die Digitalisierung nimmt in allen Bereichen des Lebens eine immer größere Rolle ein. Dazu zählt auch der Sport. Für viele Jugendliche und Erwachsene ist eSport bereits mehr als ein einfaches Freizeitvergnügen.

Ist eSoccer Sport? Welche Konsequenzen hat die voranschreitende Digitalisierung für den Fußball und insbesondere für die Vereine? Gibt es Gefahren wie etwa Suchtverhalten oder Mitgliederschwund im Jugendbereich? Im Gespräch erklären Hermann Korfmacher, Präsident des Westdeutschen Fußballverbandes (WDFV), und Dr. Niels Lange als Vorsitzender des WDFV-Freizeit- und Breitensportausschusses welche Chancen sich durch eSoccer für Fußballvereine bieten und welche Grenzen zu ziehen sind.

WDFV-Präsident Hermann Korfmacher: "Natürlich müssen wir Faktoren wie das Suchtpotenzial kritisch hinterfragen."

Frage: Jubelschreie, Freudensprünge und leichte Verzweiflung: Beim eSoccer können Spieler und Publikum offenbar ebenso viele Emotionen wie beim echten Fußball auf dem grünen Rasen erleben. Wie groß ist die Begeisterung des WDFV-Präsidenten für den neuen Trendsport?

Hermann Korfmacher: Der Fußball hat viele Facetten, eSoccer ist eine, Beachsoccer eine andere. Auch bei der längst anerkannten Hallenfußballvariante Futsal herrschte zunächst Skepsis. Ich bin in vielerlei Hinsicht begeisterungsfähig und habe mich von der Euphorie um eSoccer ebenso wie bereits beim Futsal durchaus anstecken lassen. Schon beim Zuschauen wird viel Spannung geboten, es wird zusammen mitgefiebert, das Gemeinschaftsgefühl ist spürbar. Die Gesellschaft und die sich bietenden Freizeitmöglichkeiten ändern sich in einem rasanten Tempo. Für Jugendliche hat das Spielen an der Konsole ganz offensichtlich einen hohen Freizeitwert. Das können Fußballvereine durchaus für sich nutzen. Besonders in Deutschland ist der Marktanteil der Fußballsimulationen unter den digitalen Spielen hoch. eSoccer als fester Bestandteil der Jugendkultur wird zunehmend Eingang in das Vereinsleben finden.

Frage: Herr Lange, der Freizeit- und Breitensportausschuss des WDFV befasst sich schon über einen längeren Zeitraum mit der Thematik eSoccer. Wie bewerten Sie das Potenzial, das eSoccer für den Vereinssport zu bieten hat?

Dr. Niels Lange: Das muss noch ausgelotet werden. Im Wettkampfbereich bilden sich gerade Strukturen ähnlich dem Spielbetrieb im Fußball heraus, da können Sportvereine andocken und interessierte junge Leute einbinden. Aber auch im Freizeitbereich gibt es Bindungspotenzial, wenn die Jugendlichen nach dem Training oder dem Spiel noch ein bisschen im Vereinsheim „zocken“ können. Schließlich kann eSoccer natürlich auch zum taktischen Spielverständnis beitragen, d.h. es bringt dann gerade bei den Jugendlichen auch etwas für das Spiel auf dem Platz.

Frage: „eSoccer – eine Chance für Fußballvereine?“, lautete entsprechend auch der Titel der Tagung, die der Westdeutsche Fußballverband in Kooperation mit WestLotto im September in Münster veranstaltet hat.

Hermann Korfmacher: Wir wollten die Möglichkeiten ausloten, die sich für den Vereinssport bieten. Der Bedarf ist vorhanden. In einer Befragung des WDFV zeigten über 56 Prozent der Vereine Interesse am Thema „eSports“. Dem wollten wir Rechnung tragen und den interessierten Vereinsvertretern einen Überblick zum Thema geben. Wir haben den Stellenwert von eSport und speziell eSoccer beleuchtet, die Entwicklung analysiert, natürlich auch mögliche Gefahren thematisiert und die Konsequenzen für den organisierten Fußball aufgezeigt.

Frage: Wird eSoccer nicht eine Gefahr für den Fußball, wenn der Nachwuchs künftig vermehr in den Hallen sitzt und seinen Fußball auf Konsolen zelebriert?

Dr. Niels Lange (rechts) beim WDFV-Kongress im Gespräch mit Profispieler Tim Latka von Schalke.

Hermann Korfmacher: eSoccer darf nicht als Konkurrenz zum „normalen“ Sportangebot betrachtet werden, sondern vielmehr als Ergänzung – abgestimmt auf die Zielgruppe – zum realen Fußball. Natürlich müssen wir Faktoren wie das Suchtpotenzial bei Computerspielen ebenso kritisch hinterfragen wie die Tatsache, dass längeres Sitzen nicht gesund ist. Der WDFV sieht ein großes Potential, die Fußballvereine in Nordrhein-Westfalen breiter aufzustellen und diese Zielgruppe, welche meist online aktiv ist, in das Vereinsleben einzubinden. Es gab auch früher nach dem Abpfiff auf dem Rasen oder auf Asche die Verlängerung im Vereinsheim, wo die Leute zum Beispiel Karten miteinander gespielt haben. Heute werden Sie kaum noch einen jungen Menschen finden, der Skat spielt oder kegelt. Dafür spielt er vielleicht eSoccer. Es geht nicht darum, das aktive Fußballspiel abzulösen, sondern dass diese Spiele eine Verlängerung des Fußballs im Vereinsleben sein können und als zusätzliches Angebot gemacht werden kann. Wir müssen offen sein.

Frage: Neue Spielformen, gerade im Zusammenhang mit Computerspielen, sorgen bisweilen für Skepsis. Stoßen Sie bezüglich eSoccer auf viele Vorurteile und Ängste, die abgebaut werden müssen?

Dr. Niels Lange: Klar, und die sind vor allem generationsbedingt. Auch ich hatte zuletzt mit Computerspielen zu tun, als diese noch kaum interaktiv waren. Viele haben noch das Bild des blassen, pickligen Jugendlichen vor Augen, der allein zuhause vor seinem Computer sitzt. Der Event-Charakter und das Interaktive ist den meisten Ü50ern nicht klar – und das ist die Mehrheit der Funktionsträger im organsierten Fußball. Im Abbau dieser Vorurteile sehe ich eine wesentliche Aufgabe des Verbandes.

Frage: Suchtpotenzial, physiologische Probleme durch langes Sitzen und mehr – eSports ist aus Gründen wie diesen als Sportart nicht unumstritten. Welche Risiken enthält eSoccer?

Dr. Niels Lange: Wie bei allen anderen Spielen ist es eine Frage der Proportionen: Wie viel Zeit verbringe ich an der Konsole, wie viel auf dem Sportplatz? Aber auch hier muss man differenzieren, schließlich trainieren die Profi-eSportler bis zu zehn Stunden am Tag. Allerdings gehört auch bei denen körperliches Fitnesstraining fest dazu, sonst sind sie auch an der Konsole nicht gut. Im Freizeitbereich muss man davon lernen und ebenfalls für Ausgewogenheit sorgen.

Frage: Der Fußball hat sich zuletzt bezüglich eSoccer und eSports deutlich positioniert. Wo sehen Sie die Grenzen?

Hermann Korfmacher: Die Fußballfamilie und damit meine ich die Landes- und Regionalverbände steht geschlossen hinter der Ablehnung von gewaltverherrlichenden Spielen auf der einen Seite und andererseits einem offenen Umgang mit digitalen Fußballformaten. Der WDFV muss seine Aufgabe auch darin verstehen, die Vereine grundsätzlich über die Thematik aufzuklären. Konsens besteht darin, dass die unter dem allgemeinen Begriff eSport praktizierten Gewalt-, Kriegs- und Killerspiele nicht zu den satzungsgemäßen Werten passen, die der DFB sowie seine Mitgliedsverbände Kindern und Jugendlichen vermitteln wollen. Auf professionellem Niveau werden im eSport neben Fußball- und Autorennspielen vor allem Strategiespiele gespielt. Allerdings befinden sich eben auch First-Person-Shooter unter den beliebten Turnier-Spielen, die den Ruf haben, Killerspieler zu sein. Das Problem dieser Spiele ist, dass auf Menschen gezielt wird. Das kann aber niemals mit den Idealen im Deutschen Fußball-Bund vereinbar sein. Viele Jugendliche spielen vor oder nach dem Training auf dem Rasen an der Konsole Fußball, andere entdecken über diesen Weg ihre Leidenschaft für den Sport und wollen es selbst aktiv ausprobieren. Für all diese Jugendlichen sollen die Regional- und Landesverbände gemeinsam mit den Vereinen die grundlegende Möglichkeit haben, Plattformen und Angebote zu schaffen.

Frage: Welche Rolle kann und sollte der WDFV konkret beim Thema eSoccer einnehmen?

Dr. Niels Lange: Als Regionalverband können wir vor allem informieren und Vorurteile abbauen – wie eben mit der Veranstaltung. Es geht darum, den Verantwortlichen in den Vereinen ein realistisches Bild von dem zu vermitteln, was die jungen Leute heute umtreibt. Wir haben ja im Westen doch schon einige Amateur- aber auch Bundesligavereine mit eSports-Abteilungen. Das dort angesammelte Wissen gilt es zu verbreiten.

Frage: Die Entwicklung ist rasant, ist Eile geboten?

Praxisdemonstration beim eSoccer-Kongress.

Hermann Korfmacher: Das unterstreicht das Tempo, mit dem sich auch der Fußball bewegt. Die Digitalisierung nimmt in allen Bereichen des Lebens eine immer größere Rolle ein. Dazu zählt auch der Sport. Für viele Jugendliche und Erwachsene ist eSoccer bereits mehr als ein einfaches Freizeitvergnügen. Der Bayerische Fußballverband hat eSoccer nunmehr in die Verbandssatzung aufgenommen und bei seiner Turnierserien-Premiere auf Anhieb 400 Teilnehmer begrüßen können. In Nordrhein-Westfalen gibt es schon eine Fülle Klubs, die eSoccer anbieten und damit eine große Resonanz erzielen. Marvin Hintz, ein FIFA-Spieler vom Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen, ging vor den eSport-Weltmeisterschaften in London sogar in ein dreitägiges Trainingscamp, um sich fit zu machen. Die Events kommen an. Es ist schon bemerkenswert, wie sich eSoccer entwickelt hat, alleine die aufgebaute Technik ist bei größeren Turnieren gigantisch. Das ist auch für die Teilnehmer nochmals ein neuer Blick. Ich bin mir sicher, dass wir auf einem guten Weg sind.

Frage: Der WDFV ist schon von einigen Fußballvereinen gefragt worden, ob eine Hilfestellung bei der Einrichtung von eSports-Abteilungen gegeben werden kann. Was ist diesbezüglich möglich?

Dr. Niels Lange: Grundsätzlich sind hier wohl eher die Landesverbände gefragt, die sind näher dran. Wir können denen aber behilflich sein, indem wir die Kontakte u.a. zum organisierten eSport knüpfen und auf diese Weise Know-how hereinholen. Auch die Koordination mit den DFB-weiten Aktivitäten wäre eine Aufgabe für uns.

Interview und Fotos: WDFV

 

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