Westdeutscher Fussballverband e.V.
Frauen-Fußball 28.09.2021

"Wir holen die Vereine mit der Förderung an der richtigen Stelle ab"

Projektkoordinatorin Maren Meinert im Interview

Der Westdeutsche Fußballverband und seine Landesverbände fördern auch künftig die stärksten Ideen für die Entwicklung des Frauen- und Mädchenfußballs. Bereits der Auftakt der Vereinsförderung, die der WDFV im Sommer 2020 in Nordrhein-Westfalen ausgeschrieben hatte, war ein großer Erfolg. Jetzt geht es in die nächste Phase. „Ziel ist, nachhaltig mehr Spielerinnen für den Mädchenfußball zu begeistern und bestehende Mannschaften zu unterstützen“, sagt Maren Meinert. 

Die ehemalige Nationalspielerin und Trainerin koordiniert dieses nachhaltige Projekt für den WDFV. Im Interview erinnert sie sich an ihren Weg aus der Verbandsliga zum WM-Triumph und erzählt, worauf sie sich bei der nächsten Phase der Vereinsförderung für den Frauen- und Mädchenfußball besonders freut.

Maren Meinert koordiniert das nachhaltige Projekt für den WDFV. (Foto: Getty Images)
Maren Meinert koordiniert das nachhaltige Projekt für den WDFV. (Foto: Getty Images)

Frage: Im vergangenen Herbst beging der DFB das Jubiläum „50 Jahre Frauenfußball“. Der WDFV und seine Landesverbände gründeten zuvor die Kampagne „Die im Westen“. Sie haben die Entwicklung des Frauen- und Mädchenfußballs in den vergangenen Jahrzehnten hautnah verfolgen und prägen können – und haben eine Menge erlebt. Was war Ihr spezieller Frauenfußball-Moment?

Maren Meinert: Eine schwierige Frage. Auf jeden Fall gehört die WM 2003, die wir gewonnen haben, dazu. Weil es unser erster WM-Titelgewinn war. Die Olympischen Spiele 2000, an denen ich teilgenommen habe, sind aber mit Sicherheit das Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Wir sind damals Dritter geworden, das Olympische Dorf und Sydney als besondere Austragungsstätte sind wirklich hängen geblieben. Das war ein Highlight.

Frage: Ihre sportliche Karriere war reich an Höhepunkten, nicht nur ihre Titelsammlung ist beachtlich. Dabei hatten sie eine für heutige Verhältnisse ungewöhnliche Entwicklung. Als sehr junge Verbandsligaspielerin des damaligen FC Rumeln-Kaldenhausen wurden Sie zur Nationalmannschaft eingeladen. Wie war das möglich?

Maren Meinert: Gescoutet wurde damals sehr wenig. Ich hatte in der Niederrheinauswahl gespielt, die ansonsten nur aus Spielerinnen des KBC Duisburg bestand. Daraufhin wurde der Trainer der Nationalmannschaft auf mich aufmerksam. Ich hatte damals einfach nur aus Spaß Fußball gespielt. In Rumeln spielten meine Freunde, da war ich seit meinem 13. Lebensjahr. Ich wollte nicht weg und lieber mit Rumeln in die Bundesliga aufsteigen, anstatt zu einem anderen Klub zu wechseln. Irgendwann es dann mit dem Aufstieg gepasst. Ein Wechsel war für mich kein Thema. Heute wäre es wohl nicht mehr möglich, ohne Bundesliga-Zugehörigkeit in der Nationalmannschaft zu spielen. Trainer Gero Bisanz hat das damals möglich gemacht. Fußballmannschaften funktionieren auch recht einfach: Wenn jemand was kann, wird man akzeptiert.

Maren Meinert arbeitete viele Jahre jahrelang erfolgreich als Trainerin im Nachwuchsbereich des DFB (Archivfoto: Getty Images).
Maren Meinert arbeitete viele Jahre jahrelang erfolgreich als Trainerin im Nachwuchsbereich des DFB (Archivfoto: Getty Images).

Frage: Aus der Verbandsliga zum WM-Triumph: Sind es Geschichten wie diese, durch die es gelingt, auch heutzutage Mädchen für den Fußball zu begeistern?

Maren Meinert: Ich glaube nicht, dass sich junge Mädchen für solche Geschichten interessieren. Ich glaube aber schon, dass wir auch wieder darüber nachdenken müssen, dass Spielerinnen nicht in allzu jungen Jahren zu einem großen Verein wechseln sollen und weite Anfahrtswege auf sich nehmen müssen. Wir reden immer viel davon, dass wir Führungsspielerinnen brauchen und Eigenverantwortung. Auf der anderen Seite forcieren wir es, dass junge Spielerinnen schnell ihren Heimatverein verlassen und irgendwo in der Masse untertauchen. Wenn man gut genug ist, schafft man es überall. 

Frage: Taugen Sie als Vorbild für Mädchen, die Weltmeisterin werden wollen?

Maren Meinert: Schwierige Frage, weil es eine andere Zeit war. Damals wurde in der Bundesliga auch nur drei Mal pro Woche trainiert, in der Verbandsliga vielleicht zwei Mal. Heute wird in der Bundesliga viel professioneller trainiert. Was ich sagen will: Man muss nicht irgendeinem Drang folgen, mit 13 schon bei einem großen Verein spielen zu müssen. Das halte ich für falsch. Es ist wichtig, den richtigen Zeitpunkt für neue Herausforderungen zu finden. Wann der richtige Zeitpunkt ist, ist schwierig und lässt sich nicht pauschal beantworten.

Frage: Mit 16 das erste Länderspiel, später als Trainerin weiter hautnah an der an Talententwicklung dabei: Ticken Fußballmädchen heute anders als früher? Mehr Ehrgeiz? Mehr Spaß am Sport?

Maren Meinert: Die Entwicklung ist eine andere. Wichtig ist, dass man im Frauenfußball immer noch mehr offene und ehrliche Aussagen findet und gute Typen, die sich als Persönlichkeit einbringen. Es ist gut, dass Frauenfußballerinnen mehr als früher wissen, dass sie eine Vorbildfunktion für viele junge Mädchen und Frauen haben. Nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Das Recht, Sport zu treiben, ist für Frauen längst nicht auf der ganzen Welt üblich. Neben anderen europäischen Teams trägt auch die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft ein großes Stück dazu bei, dass Frauen in anderen Ländern mehr Selbstbewusstsein bekommen. Dieses weltweite Denken war früher nicht so ausgeprägt. In der Außendarstellung gab es eine große Entwicklung.

Maren Meinert, geboren 1973 in Rheinhausen, absolvierte 92 Länderspiele für die Frauen-Nationalmannschaft, mit der sie 2003 die Weltmeisterschaft gewann. Hinzu kommen unter anderem drei EM-Titel (1995, 1997, 2001). In der Bundesliga spielte sie für den FC Rumeln-Kaldenhausen/FCR Duisburg und den FFC Brauweiler-Pulheim. Nach ihrer Spielerinnen-Karriere war sie jahrelang erfolgreiche Trainerin im Nachwuchsbereich des DFB. Unter anderem wurde sie U 20-Weltmeisterin 2010 und 2014. Heute arbeitet Maren Meinert für den Westdeutschen Fußballverband und stellt als Referentin Spielbetrieb Frauen und Männer ihr Fachwissen zur Verfügung.

Frage: Nach vielen Jahren als Nachwuchstrainerin beim DFB arbeiten Sie heute beim WDFV als Referentin Spielbetrieb Frauen und Männer. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Betreuung der Projekte zur Förderung des Frauen- und Mädchenfußballs in Nordrhein-Westfalen. Worum geht es genau?

“Wir wollen Spielerinnen für den Mädchenfußball begeistern”

Maren Meinert: Anlässlich des Jubiläums „50 Jahre Frauenfußball“ konnten wir im Verband ein großes Paket schnüren, um die Vereine weiter zu unterstützen und neue Projekte ins Leben zu rufen. Das machen wir zusammen mit unseren Landesverbänden. Diese Projekte darf ich koordinieren. Mit der Vereinsförderung haben wir das erste eigene Projekt ins Leben gerufen und bereits abgeschlossen. Das Besondere: Dieses Projekt soll über drei Jahre und möglichst noch länger laufen. Wir versuchen, an der Basis mit eigenen Projekten aufmerksam zu machen und den Vereinen und Mannschaften zu zeigen: Wir sind für euch da. Ziel ist, nachhaltig mehr Spielerinnen für den Mädchenfußball zu begeistern und auch bestehende Mannschaften zu unterstützen. Das macht eine Menge Spaß. Weitere WDFV-Projekt wie Filmvorführen mit Podiumsdiskussion, die Teilnahme am Türöffner-Tag der Maus und eine Frauenfußballkongress sind in Planung. Durch Corona haben leider alle Projekte gelitten, unsere auch. Es ist gut, dass unsere Projekte langfristig angelegt sind. Ich bin optimistisch, dass wir in der Zukunft mit den schönen Projektideen noch tolle Veranstaltungen durchführen werden.

Frage: Die erste Phase der Vereinsförderung ist bereits abgeschlossen. Acht Vereine haben für ihre Projekte eine Anschubfinanzierung über jeweils 1000 Euro erhalten. 143 Vereine hatten sich um die Förderung beworben. Wie hoch ist das Potenzial des Frauen- und Mädchenfußballs in NRW?

Maren Meinert: In der bisherigen Projektphase und auch bei den persönlichen Kontakten, die in dieser Zeit entstanden, haben wir gemerkt, dass ein sehr großer Bedarf zum Austausch besteht. Die Vereine, die etwas aufbauen wollen, freuen sich über die Förderung. Wir holen sie an der richtigen Stelle ab. Auch die Vereine, die nicht zu den Siegern gehörten, bleiben im Fokus auf Landesverbandsebene. Es gibt Ansprechpartner, wir rücken näher zusammen. Gerade in dieser Zeit ist das eine wichtige Entwicklung, um den Frauen- und Mädchenfußball weiter zu unterstützen und Mannschaften aufzubauen.

Maren Meinert ist für den Westdeutschen Fußballverband als Referentin Spielbetrieb Frauen und Männer tätig (Foto: Getty Images).
Maren Meinert ist für den Westdeutschen Fußballverband als Referentin Spielbetrieb Frauen und Männer tätig (Foto: Getty Images).

Frage: Kann sich der Mädchenfußball im heutigen Zeitalter der sozialen Medien noch stärker und vielleicht bunter präsentieren, als das früher der Fall war?

Maren Meinert: Der Frauenfußball ist in Deutschland medial schon sehr präsent, was TV-Zeiten und Berichterstattung betrifft. Das ist eine gute Entwicklung. Mit der diesjährigen Vereinsförderung wollen wir die sozialen Medien stärker nutzen, die kurzen Videobotschaften, mit denen sich die Vereine in diesem Jahr bewerben, passen genau in dieses Konzept. Wir haben beim WDFV zusammen mit unseren drei Landesverbänden auch verschiedene Trailer gedreht, die demnächst präsentiert werden sollen. Mädchen und Frauen sind da einfach kreativ und locker. Was für Jungs schon längst uncool ist, machen Mädchen mit einer großen Menge Charme, das müssen wir nutzen, um uns zu präsentieren.

Frage: Sofern wir die Frage unabhängig von der Entscheidung der Jury, der sie auch angehörten, stellen können: Hat sie ein bestimmtes Projekt besonders begeistert und vielleicht sogar an ihre eigenen Wurzeln erinnert?

Maren Meinert: Es war sehr schwierig, aus den vielen tollen Projekten, die bei uns eingegangen sind, acht Preisträger für die Anschubfinanzierung zu finden. Coronabedingt konnten die Vereine auch auf nichts Gemachtes zurückblicken. Es war schwierig für die Vereine, sich zu präsentieren. In 30 Jahren Frauenfußball habe ich schon viel kennengelernt. Es ist schön, zu sehen, dass Vereine vorausblicken, wie die Zeit nach Corona gestaltet werden kann. Das ist eine Herausforderung. Dass die Vereine so weit denken, beeindruckt mich sehr.

Frage: Ihre Begeisterung ist spürbar. Mit dem Jobwechsel haben Sie offenbar alles richtig gemacht?

Maren Meinert: Ich bin wieder zu Hause angekommen, hier im Sportpark Wedau habe ich als 13-Jährige gewissermaßen begonnen. Es ist sicherlich eine andere Art der Arbeit. Es fehlt mir tatsächlich etwas, draußen zu sein. Damit meine ich nicht die Arbeit als Trainerin, sondern beispielsweise unsere Jugend-Regionalturniere zu begleiten und mal wieder ein Fußballspiel zu sehen. Das fehlt mir schon, da unterscheide ich mich nicht von anderen Leuten in dieser Zeit. Aber ich bin sehr froh, dass ich beim WDFV bin, dass ich mehr zu Hause bin und die Chance bekommen habe, eine neue Heimat zu finden. Die Freiheit bei der Betreuung der Projekte, im Bereich der Talentförderung mitwirken zu können und der Spielbetrieb unserer Ligen, macht mir sehr viel Freude.

Interview: WDFV.de

 

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