Westdeutscher Fussballverband e.V.
Gesellschaftliche Verantwortung 09.02.2022

Spielabbrüche: Neue Studie benennt Auslöser

Amateurfußball

Wichtige Erkenntnisse: Zu den Spielabbrüchen im Amateurfußball wurde eine umfangreiche Studie durchgeführt. (Symbolbild: Getty Images)
Wichtige Erkenntnisse: Zu den Spielabbrüchen im Amateurfußball wurde eine umfangreiche Studie durchgeführt. (Symbolbild: Getty Images)

Vermeintliche Fehlentscheidungen wirken bei fast einem Drittel der Spielabbrüche im Amateurfußball als Auslöser. In der zweiten Hälfte der Hinrunde werden mehr Spiele abgebrochen als in den anderen Saisonvierteln. Beim Blick in einzelne Urteile erschreckt die Sprache auf dem Platz.

Dr. Thaya Vester hat im Auftrag des DFB alle gewaltbedingten Spielabbrüche der Spielzeiten 2018/2019 und 2019/2020 untersucht. Die Studie wird im Sommer veröffentlicht. Vorab hat die Tübinger Kriminologin der Eberhard Karls Universität den Anlaufstellen für Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle der DFB-Landesverbände erste Ergebnisse vorgestellt. Mehr als 60 Interessierte aus den 21 Landesverbänden setzten sich im Rahmen eines Fachaustausches mit dem "Worst Case" im Fußball – dem Spielabbruch – auseinander.

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2018/2019 fanden 1.497.385 Spiele statt. 719 wurden von den Schiedsrichter*innen gewaltbedingt abgebrochen. Aufgrund des ersten Lockdowns fanden 2019/2020 nur 852.591 Spiele statt, wovon 266 Spiele gewaltbedingt abgebrochen wurden. Weil zwölf Abbrüche sich als Fehlangaben herausstellten, galt es schließlich, insgesamt 973 Spielabbrüche zu analysieren. In Relation zu den 2.349.976 Spielen bedeutet dies eine Abbruchquote von 0,041 Prozent. Laut den vorliegenden Zahlen wurde im untersuchten Zeitraum im Schnitt jedes 2415. Spiel abgebrochen. Dr. Vester untersuchte die Abbrüche nach dem Zeitpunkt im Spiel und der Saison, nach Auslösern und Ursachen des Abbruchs sowie nach Verfahrensdauer und Strafmaß. Insgesamt kamen bei der Analyse der Spielabbrüche 92 Variablen zum Einsatz.

"Die Studie ist aufgrund eines Beschlusses der Konferenz der Präsidenten der Regional- und Landesverbände in Auftrag gegeben worden", sagt DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann. "Durch diese Studie haben wir nun deutlich bessere Informationen darüber, welche Faktoren bei diesen Spielabbrüchen eine Rolle spielten. Gleichzeitig sollten wir vorsichtig bei der Interpretation der Daten sein. Schließlich basiert die Auswertung ausschließlich auf den vorliegenden Urteilen der Sportgerichte. Die wertvollen Erkenntnisse aus der Spielabbruch-Studie ermöglichen es uns, unsere Maßnahmen zur Gewaltprävention wirkungsvoll zu optimieren und neue Ansätze zu entwickeln."

Meiste Spielabbrüche im Spätherbst

Der Präsident des Badischen Fußballverbandes verantwortet im DFB-Präsidium das Schiedsrichterwesen. Zimmermann betont: "Auch wenn nur ein Bruchteil aller absolvierten Spiele gewaltbedingt abgebrochen wird, müssen wir uns diesem Thema noch intensiver widmen. Der Schutz der Unparteiischen und des Sports steht an oberster Stelle!"

In Vesters Studie wird nach endogenem und exogenem Konfliktursprung unterschieden. Aus dem Spiel heraus entstehen gravierende Konflikte durch den Vorwurf von Parteilichkeit oder ausgelöst durch vermeintliche Fehlentscheidungen der Schiedsrichter*innen (29,8 Prozent). Bei 26,1 Prozent der Spielabbrüche stand am Anfang der Eskalationskette eine Auseinandersetzung über die Frage, ob ein Zweikampf nur hart geführt wurde oder ob ein grobes Foul vorlag. Konflikte aus Interkulturalität (4,7 Prozent) oder konfliktäre Inszenierungen der Zuschauer*innen (4,2 Prozent) sind dagegen weniger von Bedeutung.

Überproportional viele Spiele werden in den letzten drei Minuten vor der Halbzeit abgebrochen. In der zweiten Hälfte der Hinrunde, also üblicherweise im Spätherbst, werden mehr Spiele abgebrochen als in den anderen Saisonvierteln. Bei 38,4 Prozent der Spiele sahen sich die Schiedsrichter*innen selbst in Gefahr. Auf Seite der Beschuldigten taten sich insbesondere Einwechselspieler*innen negativ hervor.

Vester fordert "klares Durchgreifen"

Thaya Vester betont: "Um zu verstehen, worüber wir bei den schlimmsten Fällen reden, muss man auch die sprachliche Gewalt benennen." In den Akten findet man übelste Beleidigungen, rassistische und misogyne Diskriminierungen und auch Morddrohungen.

"Mir fehlt bisweilen das klare Durchgreifen", sagt Dr. Vester. "Nur wenige Landesverbände ahnden Vergehen mit weitergehenden Auflagen wie Platzaufsicht oder Vereinssperre." Hier empfiehlt sie Nachbesserungen. Dass Wertungen gegen Mannschaften, die einen Spielabbruch verursacht haben, nicht einheitlich ausfallen, sondern  je nach Landesverband mit einem 0:2, 0:3, 0:5 oder 0:6 ausgesprochen werden, ist aus ihrer Sicht ebenfalls nicht zielführend. Und wenn gerade in Fällen mit mehreren Beschuldigten Geldstrafen im niedrigen dreistelligen Bereich ausgesprochen werden, fehlt Vester schlicht die Wirksamkeit. Stattdessen müsse mehr dafür gesorgt werden, dass sich die Beteiligten auch mit ihrem Fehlverhalten auseinandersetzen.

Die Studie entstand aus der von DFB-Vizepräsident Zimmermann geleiteten Projektgruppe "Gegen Gewalt gegen Schiedsrichter*innen" heraus. Die Gruppe, der neben Dr. Vester der mit dem Ethikpreis des DOSB ausgezeichnete Sportsoziologe Prof. Dr. Gunter A. Pilz und der Präsident des Saarländischen Landesverbandes Heribert Ohlmann angehören, erarbeitet kontinuierlich Maßnahmen zum Schutz von Schiedsrichter*innen.

Autor/-in: FUSSBALL.DE

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